Mein Büro befindet sich im 37. Stock des Mori Tower, welcher das Zentrum von Roppongi Hills bildet. Roppongi Hills ist eine Stadt in der Stadt, fünf Jahre alt, und immer noch das Zentrum der Haute Volé. Neben der größten Fernsehstation und dem größten Kino-Center des Landes beherbergt diese Stadtlandschaft eines der besten Hotels, die exklusivsten Läden, Sterne-Restaurants, Banken, Fitness-Studios, Massage-Salons, und alles was der Mensch sonst noch im Laufe eines Büroalltags zu schätzen weiß bzw. was die mit Bussen anreisenden Touristengruppen, Schulklassen und Pfadfindertrupps zum Staunen bringt. Dadurch daß sich die Gebäude-Landschaft über ein Dutzend Etagen wie eine japanische Burg um den Mori-Tower windet sind die Distanzen kurz; durch eine extrem ausgefeilte, kurzweilige und durchdachte Architektur aus besten, geschmackvollen Materialen (bin ich hier in Japan?) ist jeder Gang durch Roppongi Hills selbst nach einem Jahr noch stimulierend und kurzweilig.
Heute ist meine Stimmung jedoch nicht nur wegen der nicht enden wollenden Finanzkrise gedämpft. Von einem Kollegen habe ich erfahren, daß sich meine Tokioter Lieblingsband, die Silver Beats, getrennt hat. Betrübt latsche ich nach draußen und komme am Haupteingang an dem Steinquader mit der klotzigen Aufschrift „Lehman Brothers“, der immer mehr wie ein Grabstein aussieht, vorbei. Seit einigen Tagen stehen Kamerateams vor dem Gebäude um mit einem der 1300 Angestellten, welche nach der Insolvenz ihres Unternehmens mit gefüllten Aldi-Tüten aus dem Gebäude laufen, ein Interview zu erhalten. „Are you Riehmann Bladder?“ fragt mich der japanische Reporter. Ich verneine dies, soll er doch glauben, daß ich einer der 1500 „Goldmänner“ bin, die ebenfalls im Gebäude arbeiten.
Nach fünf Minuten komme ich mitten im Vergnügungsviertel Roppongi vor dem Cavern Club zu stehen: Im letzten Jahr bin ich mindestens einmal im Monat hier eingekehrt und wurde jedes Mal musikalisch tief befriedigt wieder rausgekehrt. Die Japaner haben ein unglaubliches Talent und einen eisernen Willen zur Kopie und zur Prozessoptimierung. Die vier Jungs, die vor sechs Jahren vom Club-Besitzer unter den besten Tokioter Musikern ausgewählt und als Hausband zusammengestellt wurden, hatten den Beatles-Prozess perfektioniert: Neben den Originalinstrumenten und den maßgeschneiderten Anzügen: Paul immer mit leicht nach oben geneigtem Kopf, Ringo immer mit einem verschmitzt dämlichen Grinsen und perfektem, abwechslungsreichen Schlag, Kubo als George einer der besten Gitarristen Japans, und Mabu als John schon am Rande einer Illusion: Als Halbamerikaner sieht er nicht nur aus wie der junge John Lennon, in dessen Todesjahr er geboren wurde, sondern er hat auch exakt seine Stimme, die natürlich-antrainierte Körperhaltung und den Gitarrenanschlag. Daß der Junge dann auch noch den Keyboard-Part der McCartney-Stücke übernahm und teilweise die Soli von George Harrison spielte grenzte dann schon an der Vorstellungskraft des eingefleischten Beatles-Fans. Wenn Mabu mit verzückt entspanntem Gesicht die Schlußharmonien von „I want to hold your hand“ ins Mikrofon stieß und dabei die Pilzkopfmähne schüttelte, lief auch abgebrühten japanischen Mafiabossen ein kalter Schauer durchs Rückenmark: Du warst mitten in der Beatles-Hysterie der frühen sechziger Jahre.
Die Jungs spielten hier sechs Jahre lang fünf Tage die Woche von abends sieben bis morgens um zwei. Durch die ständige Wiederholung waren die Silver Beats in der Präsentation der Lieder besser, als es die Original-Beatles je sein konnten. Nach einer fulminanten zweiten Tournee durch die Vereinigten Staaten in diesem Sommer haben sie ihren Vertrag noch bis 31. August erfüllt, dann war Schluß. – Ich stehe vor dem lindgrünen Vespa-Rolle aus den sechziger Jahren, der immer vor dem Cavern Club geparkt ist, und spüre ein Gefühl der Leere wie im Frühjahr 1970.
Um mich zu trösteln beschließe ich, indisch zu essen und gehe zu Bernd’s Bar. Lustlos stochere ich in meiner Currywurst herum und nippe an dem viel zu bitteren Jever. Die Alternativen in diesem Restaurant sind auch nicht besser: Es dürfte sich doch inzwischen in Tokio herumgesprochen haben, daß ich nicht auf Hefeweißbier stehe, und auch das klebrige dunkle Köstritzer ist nicht gerade meine Marke. Ich lechze nach einem klaren, frischen Asahi, einem Sapporo oder Kirin! Ich fasse den Entschluss, Bernd demnächst mal vorzuschlagen, doch endlich auch süffiges japanisches Bier in seiner deutschen Kneipe auszuschenken; mal sehen, wie er’s aufnimmt. Das mache ich aber erst, wenn ich wieder gute Laune habe.
Wieder auf der Strasse gehe ich achtlos an den jungen Damen vorbei, deren Aufzug auch in jedem Frankfurter Kontakthof als völlig unauffällig durchgehen würde. Ich meine nicht die Mädels aus den „Hostess Bars“ („dorink and talk only!“), sondern die ganz normalen OLs („office ladies“), deren Pirsch nach jungen Investment Bankern oder Staranwälten, welche noch nicht von der Finanzkrise betroffen sind, etwas schwieriger geworden sein dürfte. – Vor dem Schaufenster des Bentley-Händlers stelle ich fest, daß dieser auch schon auf die Herbstfarben umgestellt hat: Letzten Monat waren noch alle sieben Ausstellungsstücke in der Modefarbe weiß gehalten, inzwischen herrschen wieder erdige Töne vor. Auch der Maserati-Händler nebenan hat inzwischen von aggressivem Gelb auf getragenes Silber umgestellt.
Auf der Rolltreppe schlängele ich mich an dem Typen im blauen Anton vorbei, der den befördernden Personen immer nur sein Hinterteil zeigt; geht auch nicht anders, denn mit dem gesamten Oberkörper ist er über das Gummiband des Handlaufs geklappt um mit einem großen weißen Tuch treppauf treppab die Glasseitenwände des Rollsteigs sauberzuhalten. Seine Kollegin reinigt wie jeden Tag mit einem Spezialgerät die Zwischenräume zwischen den Gumminoppen des Braillebandes, welches sich über alle Laufwege Roppongis erstreckt: Rückstände könnten hier zu Sprachfehlern führen.
Ich setze mich in die nächste U-Bahn und fahre nach Ochanomizu. Ochanomizu ist einer dieser Stadtteile Tokios, die sich auf ein spezielles Gewerbe spezialisiert haben. In Ochanomizu ist es das Musikgewerbe und speziell der Handel mit Gitarren: Es gibt unzählige Gitarrenläden, Tür an Tür, über mehrere Stockwerke, neue Gitarren, gebrauchte Gitarren, billige, teure, eine in der Welt wohl einmalige Auswahl. Ich lande in einem Laden, der nur Linkshändergitarren verkauft. Ehrfurchtsvoll streichle ich über die Fenders, Gibsons und Ovations, die zu hunderten an der Wand hängen. Alle nur für Linkshänder. Vielleicht, wenn sich die Finanzmärkte wieder erholt haben….?
Wieder draußen vor der Tür dasselbe belebte Treiben wie im Vergnügungsviertel Roppongi, nur hier in Ochanomizu mit einer deftigen Prise Studentin und Krankenschwester, da sich hier auch die Universitätskliniken befinden. Ob es hier wohl auch „Hostess Bars“ für Linkshänder gibt? Ich hole tief Luft und entscheide dann, daß ich heute keine Streicheleinheiten mehr verdient habe, daß ich ja eigentlich gar kein richtiger Linkshänder bin, und daß meine Mittagspause auch mal irgendwann zu Ende gehen muß.
Im Büro versuche ich wieder tief Luft zu holen, kann aber nur japsen. Meine Atemprobleme beängstigen mich schon seit einigen Wochen, die haben schon vor der Finanzkrise und vor meine Fuji-Besteigung begonnen, und um 17:00 Uhr beschließe ich dann endlich schweren Herzens und mit schwerer Lunge, die „Roppongi-Hills-Clinic“, eine Gemeinschaftspraxis von Ärzten aller Richtungen hier im Hause, aufzusuchen.
Ohne Warten komme ich sofort in die Konsultation. Die junge japanische Ärztin macht den Eindruck, als wäre Sie im Verlauf des sicher bisher schon achtstündigen Arbeitstages noch nicht in direkten Kontakt mit ihrer Kleidung gekommen. Die kurzen Ärmel des weißes Kittels weisen scharfe Bügelkanten auf, der Blusenkragen steht kerzengerade und blütenweiß in die Höhe, auf ihrem makellosen Gesicht sind weder Falten der Anstrengung noch Spuren von Schweiß auszumachen.
Kaum hat Sie mich abgehört legt Sie mir auch schon einen Ablaufplan vor und übergibt mich nahtlos an die beiden Vorzimmerdamen, die dem klassischen Idealbild einer Krankenschwester aus einem Krankenschwesterfilm entsprechen. Die beiden machen sich unverzüglich an die Arbeit: Die eine zapft Blut („Ich bitte vielmals um Verzeihung“ lautet die Ansage vor dem Piekser) während die Kollegin schon mal die Umlaufmappe für die Kollegen bestückt. Mit einer auf der Einstichstelle angelegten Druckkompresse werde ich an die Röntgenabteilung weitergereicht, wo man mich schon erwartet und schnell zwei Bilder von meiner Lunge anfertigt. Der Kollege von der Lufu wartet schon hinter der nächsten Tür. Er mimt nicht nur die Atemprozedur vor, sondern zieht auch nach erfolgtem Pustetest das von der Krankenschwester vorbereitete Pflaster aus der Umlaufmappe, denn jetzt kann der Druckverband von meiner Einstichstelle entfernt werden. Zurück bei den beiden Schwestern: die eine kniet sich vor mir nieder und entschuldigt sich vielmals dafür, an meinem kleinen Finger einen Sauerstofftest durchzuführen, während die andere den Bleistift zwirbelt.
Die Ärztin erwartet mich schon, und hat auch die Röntgenbilder schon auf ihrem Bildschirm. Ausführliche Besprechung der Ergebnisse, kurze Nachfrage beim Kollegen, ob dem dazu noch was einfällt, Gesundsprechung und Entlassung. Der ganze Prozeß war nach 60 Minuten vorbei, wobei die Zusammenstellung der Rechnung durch die Damen der Buchhaltung noch am längsten dauerte. Außerdem musste ich noch von der Bank auf derselben Etage das nötige Kleingeld abholen, um Honorar von ca. 160 EUR berappen, was ich angesichts des Personal- und technischen Aufwands sowie des auf diesem Gelände üblichen Quadratmeterpreises von 100 EUR für angemessen halte.
Beeindruckt vom japanischen Talent zur Prozessoptimierung im Gesundheitsgewerbe und vergnügt ob des guten Ergebnisses – meine Lunge läuft nach wie vor auf satten 100 bis 130% –- hole ich in der Apotheke auf demselben Stockwerk noch schnell die verschriebenen Psychopharmaka ab, die ich angesichts der günstigen Prognose gar nicht mehr benötige, denn ich bin erst mal wieder von meinem hypochondrischen Anfall erlöst.
Montag, 13. Oktober 2008
Dienstag, 30. September 2008
Auf dem Fujiyama – Guck mal, wer da speit (C’est la vie, say the old folks)
Jeder gesunde Japaner sollte einmal im Leben den Fujiyama – hier Fuji-san genannt – bestiegen haben. Wer zweimal hinaufsteigt, hat einen an der Klatsche – diese Formel hört man im Lande immer wieder.
Da der Berg mit seinen 3.776 Metern ziemlich weit in die Schneezone reicht, ist ein Aufstieg allerdings nur in den zwei Sommermonaten Juli und August ratsam, und nur in diesen beiden Monaten sind die Hütten bewirtschaftet (Gipfelbier!). Schweren Herzens verabschiedete ich mich von meinem zuvor gefassten Entschluß, den japanischen LKW-Führerschein zu machen und buchte stattdessen eine geführte Tour auf den heiligen Berg.
Der Morgen begann zeitig: Treffpunkt 8 Uhr in der Früh nähe Shinjuku Station, mit zwei Millionen Fahrgästen einer der frequentiertesten Bahnhöfe Tokios, heißt für mich Aufstehen um 5:30 Uhr. Im Frühtau bahnte ich mir den Weg zur nächsten Bahnstation; gottseidank kam nach 50 Metern ein Taxi und erlöste mich temporär von der Last meines mit dem Nötigsten bepackten Rucksacks. Noch hellwach hatte ich in Shinjuku nur geringe Probleme, unter hunderten von Bussen den richtigen auszumachen: Ein illustrer kleiner Trupp aus Amerikanern, Kanadiern und Chinesen versprach eine gesellige Besteigung.
Ähnlich wie bei katholischen Pilgerstätten teilt man den Aufstieg auf den heiligen Berg in Stationen, beginnend mit der ersten auf ca. 600 Meter bis zur zehnten auf dem Gipfel. Das Bussle mit uns fünfzehn Besteigern zockelte nun zielgerecht zur fünften Station auf 2.300 Meter über Grund: Dies ist der Ausgangspunkt für die meisten Bestgeigungen, ein Parkplatz für mehrere hundert Fahrzeuge, Restaurants und Andenkenläden, in denen man den zwei Meter langen Pilgerstab aus unbehandeltem Fichtenholz erwirbt, Gelegenheit hat zu einem letzten Bier (vor der nächsten Station), der letzten Toilettenspülung und dem absolut letzten Wassertropfen aus dem letzten Hahn.
Dann beginnt der Fußmarsch in der Mittagshitze auf zunächst leicht ansteigendem Terrain. Die schmerzverzerrten Gesichter der Entgegenhumpelnden hätte uns eine Warnung sein sollen, und bald bogen wir scharf nach rechts in die Kegelwand ein. Für einen Vulkan ist der Berg erstaunlich steil; angeblich weil er noch relativ jung ist und seine Fall-Linie bisher nur von wenigen Ausbrüchen (zuletzt 1707) geglättet wurde.
Inzwischen haben wir uns in der Truppe alle etwas kennengelernt und halten vergnügt das eine oder andere Schwätzchen. Mein Nebensitzer aus dem Bus, David, ist ein netter Missionar aus Seattle, USA. Ich mag ihn, denn erstens ist er noch älter als ich, und zweitens spricht er ausgezeichnetes Schwäbisch und Bayerisch. Wenn wir uns nicht gerade Zitate von Chuck Berry’s „You never can tell“ an den Kopf werfen, können wir uns so in einem Idiom verständigen, das den meisten Mitkletterern nicht so geläufig ist.
Alle sind recht gut in Form und wir machen trotz der Hitze gute Fortschritte im steiler werdenden Massiv. An jeder Station ist gleichzeitig ein Schrein untergebracht, und wenn wir ankommen zückt der am offenen Feuer sitzende Schreine-Priester sein Brenneisen und drückt es auf unsere Pilgerstäbe, um das Etappenziel zu markieren.
Nach knapp vier Stunden erreichen wir auf 2.800 Metern Höhe schon die Nachtstation. Das Festmahl in der Hütte besteht aus der beliebten japanischen Spezialität „Kerireisu“, also Curryreis, das ist ein pampiger Reis mit einer Soße, welche in allen japanischen Restaurants grundsätzlich in drei verschiedenen Brauntönen (Chicken, Beef, Vegitalian) angeboten wird, und in allen Restaurants absolut gleich schmeckt. Ich nehme an, die tiefgefrorenen Plastikbeutel werden irgendwo in Zentralchina abgefüllt (die Japaner haben bei Lebensmitteln eine Importquote von sage und schreibe 60%!). Wir hatten heute „Beef“, d. h. dunkelbraun, und die Soße war von der Variante „komplettverdaut“, d. h. es schwamm kein einziges Fleischstückchen mehr drin herum.
Gegen halb sechs haben wir uns dann nebenan in die Schlafabteilung zurückgezogen. Da liegen nun 50 Hilfsbersteiger mit Ihren Blähungen auf einem Massenlager und versuchen, geräuschlos für Druckausgleich zu sorgen; bei dieser Höhe kein leichtes Vorhaben. David neben mir hat sich schon in Missionareinzelstellung gebracht; ich aber kann beim besten Willen keine Ruhe finden. Mir stößt der „Kerireisu“ heute besonders fies auf, und ich schwöre beim heiligen Fuji, nie wieder welchen zu mir zu nehmen.
Alle Stunde kommt eine neue Reisegruppe an und nistet sich in eines der Nachbarlager ein. Zwischendrin, jedes mal bin ich kurz vor dem Wegnicken, trippelt irgendein blödes Kind (eigentlich sind Japanerkinder ja so süss!) aufgeregt durch den Holzdielengang hinter dem Schlaflager, knallt mit dem Kopf gegen die Wand, läßt die Tür mit einem lauten Klatsch zurückfedern und flüstert seinem auf der Toilette eingeklemmten Erziehungsberechtigten irgendwelche Sachen ins Ohr: Na klar, die Kinder sind aufgeregt – ist wohl das erste Mal , daß sie einen so hohen Berg besteigen dürfen! Um 23:41 nicke ich endlich aus meinen Wachträumen von heißen Duschen und warmen Federbetten in einen ruhigen Tiefschlaf.
Leider war dann um 23:45 Uhr Wecken und Aufstehen angesagt! Ich hatte als einzigen Luxus eine frische Unterhose dabei, und wurde doch tatsächlich mitten im Wechseln, sozusagen in flagranti, vom Hüttenwart verwarnt: Was ich denn täte hier mit meiner Morgentoilette, und um Punkt zwölf hätten wir gefälligst wieder am Berghang zu hängen, das Lager sei ab 24:00 Uhr schon wieder weitervermietet!
Im Raushumpeln schnappe ich mir noch schnell das pauschalgebuchte Frühstück, eine sogenannte „Bento Box“ mit einer Auswahl japanischer Köstlichkeiten (eingelegte Radiergummis, roher Fisch, abgestürzte Bergratten), rieche kurz daran und entscheide ganz schnell, meinen Rucksack nicht mit dieser Aromabombe zu belasten. Der Hüttenwart war sprachlos aber artig, als ich ihm das Paket wieder in die Hand drückte.
Ungefrühstückt, halbverdaut und missmutig reihen wir uns wieder in die Phalanx der Pilger ein. Die Nacht ist wolkenlos aber nicht besonders kalt; trotzdem fahre ich jetzt meine Hosenbeine aus, denn auf dem Gipfel soll ein eisiger Wind herrschen. Wegen der Dunkelheit haben wir jetzt alle unsere Stirnlampen angeschaltet. Nach fünfzehn Minuten Anstieg geben zwei aus der Gruppe auf: Eine fitte kalifornisch-japanische Mutter mit ihrem 10-jähirgen „Nintendo-Kind“; der Kleine war etwas zu gut ernährt für diese Herausforderung.
Nach einer kurzen Unterbrechung setzen wir den Aufstieg fort. Die Luft wird langsam dünner und ich erleide einen ersten Herzinfarkt. Trotzdem laufe ich weiter. Ich vermesse mit gespanntem Blick die steile Wand, die sich vor mir auftut und schaue zum Vergleich nach unten: Es sieht immer so aus, als wären wir genau auf halber Strecke. Verdammt! Der zweite Herzinfarkt! Ob ich das noch schaffe? Ich zähle die Isohypsen zwischen den Hütten, die jeweils im Abstand von 100 bis 150 Höhenmetern angesiedelt sind. Bei der nächsten Hütte bin ich richtig sauer: Es werden 3,250 Meter angezeigt, obwohl nach meiner Berechnung schon 3.400 Meter erreicht sein müssten! Trotzdem lass ich mir einen weiteren Stempelabdruck in meinen Pilgerstab brennen und frage scherzhaft nach, ob hier auch heißer Kaffee serviert wird. Die Antwort ist überraschenderweise „Ja“ und ich leiste mir einen sehr teuren aber ausgezeichneten Heißen Nescafé. Danach fühle ich mich zwanzig Minuten lang wirklich besser, erleide dann aber doch noch einen kleinen Schlaganfall. Neidisch schaue ich auf die siebzigjährigen Japaner, die an der nächsten Kehre eine kleine Zigarettenpause einlegen, während ich hier nach Luft japse.
David und ich halten ganz ordentlich mit, aber lustig ist es inzwischen nicht mehr. Da tauchen plötzlich die Umrisse der Felsen deutlicher auf als zuvor, eine leichtes Morgengrauen deutet sich an, und in der Tat ist auch schon das Shinto-Tor des Gipfels in Sicht- und Reichweite! Wir suchen uns ein gemütliches Plätzchen im Seitenaus und machen uns fertig für den Phototermin: Ein erstes Schimmern am Horizont, ein rotes Lämpchen, dann der goldene Schein über dem Wolkenmeer, das sich lückenlos ca. 1500 Höhenmeter unter uns ausbreitet.
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Der Fujiyama hat mein Leben verändert: Nach der Besteigung stehe ich eine ganze Woche lang jeden morgen um 05:30 Uhr auf.
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Sonntag, 07.09.2008: Einer Meldung der "Japan Times" entnehme ich, daß letzte Woche eine Gruppe von amerikanischen Soldaten den Fujiyama für einen wohltätigen Zweck bestiegen hat. Die vier GI’s sind – wie wir – von der fünften Station bis zum Gipfel aufgestiegen, und dann wieder zur fünften Station zurück – aber sage und schreibe vier (4!) mal, non-stop, innerhalb von 24 Stunden!!! Ich glaub’ ich muß mich übergeben….
Da der Berg mit seinen 3.776 Metern ziemlich weit in die Schneezone reicht, ist ein Aufstieg allerdings nur in den zwei Sommermonaten Juli und August ratsam, und nur in diesen beiden Monaten sind die Hütten bewirtschaftet (Gipfelbier!). Schweren Herzens verabschiedete ich mich von meinem zuvor gefassten Entschluß, den japanischen LKW-Führerschein zu machen und buchte stattdessen eine geführte Tour auf den heiligen Berg.
Der Morgen begann zeitig: Treffpunkt 8 Uhr in der Früh nähe Shinjuku Station, mit zwei Millionen Fahrgästen einer der frequentiertesten Bahnhöfe Tokios, heißt für mich Aufstehen um 5:30 Uhr. Im Frühtau bahnte ich mir den Weg zur nächsten Bahnstation; gottseidank kam nach 50 Metern ein Taxi und erlöste mich temporär von der Last meines mit dem Nötigsten bepackten Rucksacks. Noch hellwach hatte ich in Shinjuku nur geringe Probleme, unter hunderten von Bussen den richtigen auszumachen: Ein illustrer kleiner Trupp aus Amerikanern, Kanadiern und Chinesen versprach eine gesellige Besteigung.
Ähnlich wie bei katholischen Pilgerstätten teilt man den Aufstieg auf den heiligen Berg in Stationen, beginnend mit der ersten auf ca. 600 Meter bis zur zehnten auf dem Gipfel. Das Bussle mit uns fünfzehn Besteigern zockelte nun zielgerecht zur fünften Station auf 2.300 Meter über Grund: Dies ist der Ausgangspunkt für die meisten Bestgeigungen, ein Parkplatz für mehrere hundert Fahrzeuge, Restaurants und Andenkenläden, in denen man den zwei Meter langen Pilgerstab aus unbehandeltem Fichtenholz erwirbt, Gelegenheit hat zu einem letzten Bier (vor der nächsten Station), der letzten Toilettenspülung und dem absolut letzten Wassertropfen aus dem letzten Hahn.
Dann beginnt der Fußmarsch in der Mittagshitze auf zunächst leicht ansteigendem Terrain. Die schmerzverzerrten Gesichter der Entgegenhumpelnden hätte uns eine Warnung sein sollen, und bald bogen wir scharf nach rechts in die Kegelwand ein. Für einen Vulkan ist der Berg erstaunlich steil; angeblich weil er noch relativ jung ist und seine Fall-Linie bisher nur von wenigen Ausbrüchen (zuletzt 1707) geglättet wurde.
Inzwischen haben wir uns in der Truppe alle etwas kennengelernt und halten vergnügt das eine oder andere Schwätzchen. Mein Nebensitzer aus dem Bus, David, ist ein netter Missionar aus Seattle, USA. Ich mag ihn, denn erstens ist er noch älter als ich, und zweitens spricht er ausgezeichnetes Schwäbisch und Bayerisch. Wenn wir uns nicht gerade Zitate von Chuck Berry’s „You never can tell“ an den Kopf werfen, können wir uns so in einem Idiom verständigen, das den meisten Mitkletterern nicht so geläufig ist.
Alle sind recht gut in Form und wir machen trotz der Hitze gute Fortschritte im steiler werdenden Massiv. An jeder Station ist gleichzeitig ein Schrein untergebracht, und wenn wir ankommen zückt der am offenen Feuer sitzende Schreine-Priester sein Brenneisen und drückt es auf unsere Pilgerstäbe, um das Etappenziel zu markieren.
Nach knapp vier Stunden erreichen wir auf 2.800 Metern Höhe schon die Nachtstation. Das Festmahl in der Hütte besteht aus der beliebten japanischen Spezialität „Kerireisu“, also Curryreis, das ist ein pampiger Reis mit einer Soße, welche in allen japanischen Restaurants grundsätzlich in drei verschiedenen Brauntönen (Chicken, Beef, Vegitalian) angeboten wird, und in allen Restaurants absolut gleich schmeckt. Ich nehme an, die tiefgefrorenen Plastikbeutel werden irgendwo in Zentralchina abgefüllt (die Japaner haben bei Lebensmitteln eine Importquote von sage und schreibe 60%!). Wir hatten heute „Beef“, d. h. dunkelbraun, und die Soße war von der Variante „komplettverdaut“, d. h. es schwamm kein einziges Fleischstückchen mehr drin herum.
Gegen halb sechs haben wir uns dann nebenan in die Schlafabteilung zurückgezogen. Da liegen nun 50 Hilfsbersteiger mit Ihren Blähungen auf einem Massenlager und versuchen, geräuschlos für Druckausgleich zu sorgen; bei dieser Höhe kein leichtes Vorhaben. David neben mir hat sich schon in Missionareinzelstellung gebracht; ich aber kann beim besten Willen keine Ruhe finden. Mir stößt der „Kerireisu“ heute besonders fies auf, und ich schwöre beim heiligen Fuji, nie wieder welchen zu mir zu nehmen.
Alle Stunde kommt eine neue Reisegruppe an und nistet sich in eines der Nachbarlager ein. Zwischendrin, jedes mal bin ich kurz vor dem Wegnicken, trippelt irgendein blödes Kind (eigentlich sind Japanerkinder ja so süss!) aufgeregt durch den Holzdielengang hinter dem Schlaflager, knallt mit dem Kopf gegen die Wand, läßt die Tür mit einem lauten Klatsch zurückfedern und flüstert seinem auf der Toilette eingeklemmten Erziehungsberechtigten irgendwelche Sachen ins Ohr: Na klar, die Kinder sind aufgeregt – ist wohl das erste Mal , daß sie einen so hohen Berg besteigen dürfen! Um 23:41 nicke ich endlich aus meinen Wachträumen von heißen Duschen und warmen Federbetten in einen ruhigen Tiefschlaf.
Leider war dann um 23:45 Uhr Wecken und Aufstehen angesagt! Ich hatte als einzigen Luxus eine frische Unterhose dabei, und wurde doch tatsächlich mitten im Wechseln, sozusagen in flagranti, vom Hüttenwart verwarnt: Was ich denn täte hier mit meiner Morgentoilette, und um Punkt zwölf hätten wir gefälligst wieder am Berghang zu hängen, das Lager sei ab 24:00 Uhr schon wieder weitervermietet!
Im Raushumpeln schnappe ich mir noch schnell das pauschalgebuchte Frühstück, eine sogenannte „Bento Box“ mit einer Auswahl japanischer Köstlichkeiten (eingelegte Radiergummis, roher Fisch, abgestürzte Bergratten), rieche kurz daran und entscheide ganz schnell, meinen Rucksack nicht mit dieser Aromabombe zu belasten. Der Hüttenwart war sprachlos aber artig, als ich ihm das Paket wieder in die Hand drückte.
Ungefrühstückt, halbverdaut und missmutig reihen wir uns wieder in die Phalanx der Pilger ein. Die Nacht ist wolkenlos aber nicht besonders kalt; trotzdem fahre ich jetzt meine Hosenbeine aus, denn auf dem Gipfel soll ein eisiger Wind herrschen. Wegen der Dunkelheit haben wir jetzt alle unsere Stirnlampen angeschaltet. Nach fünfzehn Minuten Anstieg geben zwei aus der Gruppe auf: Eine fitte kalifornisch-japanische Mutter mit ihrem 10-jähirgen „Nintendo-Kind“; der Kleine war etwas zu gut ernährt für diese Herausforderung.
Nach einer kurzen Unterbrechung setzen wir den Aufstieg fort. Die Luft wird langsam dünner und ich erleide einen ersten Herzinfarkt. Trotzdem laufe ich weiter. Ich vermesse mit gespanntem Blick die steile Wand, die sich vor mir auftut und schaue zum Vergleich nach unten: Es sieht immer so aus, als wären wir genau auf halber Strecke. Verdammt! Der zweite Herzinfarkt! Ob ich das noch schaffe? Ich zähle die Isohypsen zwischen den Hütten, die jeweils im Abstand von 100 bis 150 Höhenmetern angesiedelt sind. Bei der nächsten Hütte bin ich richtig sauer: Es werden 3,250 Meter angezeigt, obwohl nach meiner Berechnung schon 3.400 Meter erreicht sein müssten! Trotzdem lass ich mir einen weiteren Stempelabdruck in meinen Pilgerstab brennen und frage scherzhaft nach, ob hier auch heißer Kaffee serviert wird. Die Antwort ist überraschenderweise „Ja“ und ich leiste mir einen sehr teuren aber ausgezeichneten Heißen Nescafé. Danach fühle ich mich zwanzig Minuten lang wirklich besser, erleide dann aber doch noch einen kleinen Schlaganfall. Neidisch schaue ich auf die siebzigjährigen Japaner, die an der nächsten Kehre eine kleine Zigarettenpause einlegen, während ich hier nach Luft japse.
David und ich halten ganz ordentlich mit, aber lustig ist es inzwischen nicht mehr. Da tauchen plötzlich die Umrisse der Felsen deutlicher auf als zuvor, eine leichtes Morgengrauen deutet sich an, und in der Tat ist auch schon das Shinto-Tor des Gipfels in Sicht- und Reichweite! Wir suchen uns ein gemütliches Plätzchen im Seitenaus und machen uns fertig für den Phototermin: Ein erstes Schimmern am Horizont, ein rotes Lämpchen, dann der goldene Schein über dem Wolkenmeer, das sich lückenlos ca. 1500 Höhenmeter unter uns ausbreitet.
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Der Fujiyama hat mein Leben verändert: Nach der Besteigung stehe ich eine ganze Woche lang jeden morgen um 05:30 Uhr auf.
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Sonntag, 07.09.2008: Einer Meldung der "Japan Times" entnehme ich, daß letzte Woche eine Gruppe von amerikanischen Soldaten den Fujiyama für einen wohltätigen Zweck bestiegen hat. Die vier GI’s sind – wie wir – von der fünften Station bis zum Gipfel aufgestiegen, und dann wieder zur fünften Station zurück – aber sage und schreibe vier (4!) mal, non-stop, innerhalb von 24 Stunden!!! Ich glaub’ ich muß mich übergeben….
Dienstag, 26. August 2008
13 Goldene Verhaltensregeln für die Tokioter U-Bahn
1. Wenn die Türe zugeht, geht die Türe zu. Dagegenstemmen ist zwecklos. Eventuell heraushängende Utensilien oder Körperteile werden vom bereitstehenden weißbehandschuhten Personal durch die Gummilippen nachgequetscht.
2. Am besten gleich in die Mitte des zwischen den Sitzreihen liegenden Ganges drücken. Hier steht man in der Regel nur drei Reihen dicht; im Türbereich wird dagegen ohne Rücksicht auf Verluste nachgequetscht.
3. Absolut nie gegen die Tür auf der Trasseninnenseite (Linksverkehr!) lehnen – bei entgegenkommenden Expresszügen (Abstand: 10 cm) kriegt man durch den plötzlichen Luftdruck dermaßen einen an die Birne geknallt, daß man komplett ans andere Ende des Waggons geschleudert wird. An kleinere Erdstöße, die just in diesem Augenblick auftreten können, wollen wir dabei gar nicht denken….
4. Mit einer Hand an irgendetwas stabilem festhalten – Haltegriff oder Stange, aber nicht an der Nachbarin. Freie Hand bzw. Hände nach unten und am eigenen Körper anlegen, Handinnenflächen nach innen.
5. Absolutes Kneifverbot. Ansonsten ist jede Form körperlichen Kontakts – auch intensiven – erlaubt, ja unvermeidlich – solange die Hände nicht im Spiel sind!
6. Blickkontakt meiden. Am besten auf das Ohrläppchen des oder der Nächststehenden konzentrieren. Wenn da keine mehr sind (Ohrläppchen), schnell weggucken.
7. Unter keinen Umständen irgendwelche Kleidungsstücke anderer Fahrgäste glatt-, gerade- oder gar hochziehen.
8. Nie zu zweit ins Gepäcknetz legen – wenn Du unten liegst, kommst Du nie wieder raus!
9. Klappe halten.
10. Durch die Nase atmen.
11. Mobilteil rausholen, mit der Rückseite gegen die Stirn des Nachbarn halten und durch die Fernsehkanäle klicken. Beim Sportkanal hängenbleiben.
12. Nicht auf die Uhr schauen. Keine Bahn der Welt fährt auch nur eine Hundertstelsekunde schneller, nur weil ein Fahrgast auf die Uhr schaut. Außerdem ist die aktuelle Uhrzeit immer sehr gut durch die frischpolierte Lunette der Rolex am Arm des Stehnachbarn / der Nachbarin abzulesen.
13. Beim Halt an der Station gehört es sich, dem Bahnpersonal beim Abhängen der Kinder und anderer kleinwüchsiger Fahrgäste von den an den Querstangen angebrachten Halteschlaufen behilflich zu sein. Die meisten plumpsen allerdings von alleine runter und müssen dann wieder aufgehängt werden….
2. Am besten gleich in die Mitte des zwischen den Sitzreihen liegenden Ganges drücken. Hier steht man in der Regel nur drei Reihen dicht; im Türbereich wird dagegen ohne Rücksicht auf Verluste nachgequetscht.
3. Absolut nie gegen die Tür auf der Trasseninnenseite (Linksverkehr!) lehnen – bei entgegenkommenden Expresszügen (Abstand: 10 cm) kriegt man durch den plötzlichen Luftdruck dermaßen einen an die Birne geknallt, daß man komplett ans andere Ende des Waggons geschleudert wird. An kleinere Erdstöße, die just in diesem Augenblick auftreten können, wollen wir dabei gar nicht denken….
4. Mit einer Hand an irgendetwas stabilem festhalten – Haltegriff oder Stange, aber nicht an der Nachbarin. Freie Hand bzw. Hände nach unten und am eigenen Körper anlegen, Handinnenflächen nach innen.
5. Absolutes Kneifverbot. Ansonsten ist jede Form körperlichen Kontakts – auch intensiven – erlaubt, ja unvermeidlich – solange die Hände nicht im Spiel sind!
6. Blickkontakt meiden. Am besten auf das Ohrläppchen des oder der Nächststehenden konzentrieren. Wenn da keine mehr sind (Ohrläppchen), schnell weggucken.
7. Unter keinen Umständen irgendwelche Kleidungsstücke anderer Fahrgäste glatt-, gerade- oder gar hochziehen.
8. Nie zu zweit ins Gepäcknetz legen – wenn Du unten liegst, kommst Du nie wieder raus!
9. Klappe halten.
10. Durch die Nase atmen.
11. Mobilteil rausholen, mit der Rückseite gegen die Stirn des Nachbarn halten und durch die Fernsehkanäle klicken. Beim Sportkanal hängenbleiben.
12. Nicht auf die Uhr schauen. Keine Bahn der Welt fährt auch nur eine Hundertstelsekunde schneller, nur weil ein Fahrgast auf die Uhr schaut. Außerdem ist die aktuelle Uhrzeit immer sehr gut durch die frischpolierte Lunette der Rolex am Arm des Stehnachbarn / der Nachbarin abzulesen.
13. Beim Halt an der Station gehört es sich, dem Bahnpersonal beim Abhängen der Kinder und anderer kleinwüchsiger Fahrgäste von den an den Querstangen angebrachten Halteschlaufen behilflich zu sein. Die meisten plumpsen allerdings von alleine runter und müssen dann wieder aufgehängt werden….
Dienstag, 5. August 2008
LH 710 (und Deutschland) Revisited
Nach zehn Monaten in der Fremde erreicht man ungewollt diesen inneren Balancezustand: Man hat sich in die örtlichen Gegebenheiten eingewöhnt und tendiert dann dazu, eher in der alten Heimat etwas zu fremdeln.
Auf Geschäftsreise im Mai: Die Anfahrt zum Flughafen Narita wie immer sehr aufwendig: Da wir am südlichen Ende Tokios wohnen, müssen wir hierzu die ganze Stadt durchqueren. Der Flughafen ist dann weit außerhalb im Norden der Insel, in München würde man sagen: Ingolstadt, oder Erding. Der Flughafen-Express fährt zwar non-stop vom Tokioter Hauptbahnhof und braucht exakt eine Stunde. Aber wer wohnt schon am Tokioter Hauptbahnhof? Also für mich heißt das: Abflug 9:30 = Aufstehen 3:45.
Der Flughafen Narita selbst ist riesig aber übersichtlich, zweckmäßig und mit breiten Verkehrswegen ausgestattet. Das Einchecken ist in Sekunden erledigt, das Personal ausgesucht freundlich und hilfsbereit, und in guter Stimmung mache ich mich auf den Weg zur Lounge, für die ich eben einen Gutschein erhalten habe. Auf dem Weg dahin durchquere ich einen langen Tunnel, eine geschmackvolle architektonische Meisterleistung in gediegener Ausführung, mit schönen Pflanzen ausgestattet und mit 800 Metern Länge, die die beiden Flügelendpunkte des V-förmig angelegten Terminal 1 unterirdisch verbindet. Seltsamerweise bin ich der einzige Passagier, der sich hierunter verirrt hat. Als einzige andere Lebewesen in dieser Raumstation erspähe ich zwei Wachleute (mit den Leuchtschwertern der Jedi-Ritter) die damit beschäftigt sind, die Länge des Tunnels von entgegengesetzten Enden auf und abzuschreiten. In der Mitte, wenn sie sich begegnen, grüßen sie sich jedes Mal höflich. In einem Zustand entspannter Ruhe schwebe auf dem endlos langen Förderband nahezu lautlos an den Jedi-Rittern vorbei.
Mit dem eben erhaltenen Gutschein mache ich mir’s dann bis zum Abflug im gediegenen Ambiente der ANA-Lounge bequem und genehmige mir zum zweiten Frühstück eine Pilzcremesuppe, die sich gewaschen hat. Dies hätte ich lieber nicht tun sollen, denn am Flugsteig überrascht mich die nette Dame von der Lufthansa mit einem Präsent: Einem Sitzplatzwechsel in die 1. Klasse, und das bedeutet in 1. Linie eins: Kulinarische Verwöhnung! –
Ansonsten finde ich den Unterschied zur Business marginal: Die Sitze kommen mir unwesentlich größer vor, die Bildschirme sind sogar kleiner, und wenn man wie ich am Fenster sitzt, kann man wegen mangelnder Kopffreiheit nicht mal gerade aufstehen; dazu ist man im 1.Stock der 747 zu nahe an der Wölbung. Aber immerhin wird man während des gesamten Fluges mit Namen angesprochen, kriegt eine rote Rose vor den Sitz gesteckt und zur Begrüßung erstmal Kaviar und Champagner. Ich vertage also meinen Entschluß, während des Fluges Gewicht zu verlieren, auf den Rückflug.
Neben mir sitzt Herr S., ein älterer Herr mit angenehmen Umgangsformen, mit dem ich sehr schnell ins Gespräch komme. Herr S., der in den 60er Jahren ein bekanntes deutsches mittelständisches Unternehmen gegründet hat, ist ausgesprochener Japan-Freund: Seit vierzig Jahren kooperiert er mit japanischen Geschäftsfreunden und hat viele Partnerschaften zwischen regionalen deutschen und japanischen Wirtschaftsverbänden initiiert. Als Dank hat er sich eben den rosa Orden der aufgehenden Sonne beim japanischen Finanzminister abholen dürfen (der Tenno verleiht Orden nicht persönlich an Außerjapanische). Seit seiner Pensionierung vor 15 Jahren, mit 73, lernt Herr S. intensiv japanisch.
Da Herr S. den Pool mit Gegenstromanlage in seiner fränkischen Villa vermißt, steht er öfter auf und wandert ziellos durch die Gegend, um in Form zu bleiben. Ich bewundere seine Gewandtheit im Umgang mit Menschen, sprich hier mit dem fliegenden Personal, und frage mich, ob er dies seiner Japan-Affinität zu verdanken ist oder ob dies eine Generationenthema ist? Statt sich über das völlig zerbratene, zähe Steak, das man ihm serviert hat, zu beklagen, macht er den Lufthansen Komplimente ob des guten Service (Antwort: „Klar, wir sind ja auch vom Fach!“)
Nachdem wir die aktuellen wirtschafts- und finanzpolitischen Themen abgehandelt haben schwärmt mir Herr S. von der ersten Klasse von vor zwanzig Jahren vor (Bett im Oberdeck, Sessel im Unterdeck, Zwischenlandung am Eismeer und Aufnahme von zu sofortigem Verzehr geeigneter Meeresspinnen). Die Zeit vergeht wie im Flug, der viel zu kleine Fernseher bleibt ausgeschaltet. Erst in den letzten Flugstunden nehme ich meine Arbeitslektüre aus der Tasche; leider funktioniert aber die am Sessel angebrachte Leselampe nicht. Ich wende mich an den nächsten Luft-Hans:
- Würden Sie mir bitte zeigen, wie man die Leselampe einschaltet?
- Die funktioniert nicht. Die funktionieren hier alle nicht, in der ersten Klasse. Es handelt sich um eine Fehlkonstruktion!
- Aha. Vielen Dank!
Die Deutschen bauen die besten Autos der Welt, für die Wohnhäuser gilt wohl dasselbe, und auch das Frühstücksbuffet mit frischen Semmeln, Aufschnitt und Nutella deklassiert das handelsübliche japanische Morgenmahl aus Reis, rohem Ei und fermentierter Sojamilch um Längen. Bei den deutschen Flughäfen sieht’s aber ziemlich bös aus. Ich überlege mir, ob ich einen Brief an die Fraport AG absetzen soll mit folgendem Verbesserungsvorschlag: Abriß des gesamten Frankfurter Flughafens und Neubau durch ein japanisches Unternehmen. Bestückung ausschließlich mit japanischem Personal.
Bei der Rückkehr in die Heimat bin ich etwas überrascht, dass in Deutschland nicht mehr wie früher die meisten Konversationen mit „Ich bitte um Verzeihung!“ beginnen und mit „Verbindlichen Dank auch!“ enden. Sollte sich da was geändert haben?
Am Abend vor dem Rückflug ziehe ich mir die Anne-Will-Schow am Sonntagabend rein und schlafe danach sehr unruhig. Auch das Morgenprogramm des Radioweckers mit der aktuellen HR-Info-Berichterstattung zur Telekomabhöraffäre („klaffende Gesetzeslücken“, „die Menschenwürde in Gefahr“) sorgt bei mir für weitere innere Spannungen.
Etwas genervt mache ich mich mit meinen beiden Koffern (die Hinzunahme eines zweiten, kleineren Koffers war notwendig geworden, um meine Tokioter Nutellavorräte aufzustocken) auf den Weg zur U-Bahn. Angesichts neu aufgetretener Zukunftsängste beschließe ich, das Geld für das Taxi zu sparen – genügend Zeit habe ich ja, und von der Frankfurter Hauptwache fahren die S-Bahnen zum Flughafen ja bekanntlich alle zwanzig Minuten.
Als die S-Bahn dann 25 Minuten nach der geplanten Abfahrt immer noch nicht an der Hauptwache eingetroffen ist, fangen die sprichwörtlichen Eierkohlen unter mir an zu glühen. Seltsamerweise erfolgt keinerlei Durchsage, die Schaltzentrale in der Mitte des Bahnsteigs ist seit Jahren unbesetzt und verwüstet. Verzweifelt wende ich mich an einen schwarzen Scheriff, der den Zugführer der nächsten S-Bahn zu Herunterkurbeln seiner Scheibe bewegt: Ja, er hätte im Rückspiegel eine Flughafen-S-Bahn gesehen, es könne sich nur noch um Minuten handeln.
Als die Bahn dann mit 30 Minuten Verspätung eintrudelt, hat sich erheblicher Nachholbedarf angestaut. Blöderweise ist dann auch noch gerade der Waggon, vor dem ich stehe, wegen Vandalismus gesperrt. Ich hechte also mit meinen beiden Koffern zum nächsten, der dann wirklich gut besetzt ist; aus Tokio bin ich ja Gedränge gewöhnt! Allerdings ist das Publikum sehr gemischt, und ein Großteil der Fahrgäste sieht aus, als trage er sich mit ernsthaften Gedanken, diesen Waggon auch noch dem Vandalismus anheimzugeben.
Als ich dann mit erheblicher Verspätung in den freundlichen Hallen des Flughafen-S-Bahnhofes ankomme, ist meine Freude ob der gesparten 30 Taxi-Euro komplett verflogen und ich befinde mich in Panikstufe 1: Nach meinen Düsseldorfer Gesprächen habe ich davon auszugehen, daß ich am Morgen nach meiner Ankunft eine wichtige Mitteilung in der Tokioter Zweigstelle zu verlesen habe; ich darf also meinen Flug auf keinen Fall verpassen!
Der Business-Class Check-In der Lufthansa war vor fünf Monaten noch ganz am Ende der Halle A; als ich dort ankomme stelle ich fest, daß dort nun nur die erste Klasse Passagiere einchecken dürfen. Ich schleppe meine Sachen also wieder den halben Weg zurück; dummerweise hat sich aber beim Business Class Schalter eine lange Schlange gebildet. Die zur Koordination der Schlange abgestellte Dame ist jedoch sehr hilfsbereit:
- Haben Sie eine goldene Senatorkarte? Dann können Sie auch bei der ersten Klasse einchecken!
Ich hechte also die 100 Meter zurück zum 1. Klasse Check-In: Drei freie Schalter, jeder mit einer roten Rose bestückt und einer aufgeräumten Lufthansin dahinter! Erleichtert wuchte ich den ersten Koffer aufs Gepäckband und zücke meine Karte. Daß sich diese dann als silberne Frequent-Flyer-Karte (≠goldene Senatorkarte) entpuppt, wäre mir jetzt gar nicht aufgefallen; Lufthansinnen können aber auch streng sein, und die meine schien überhaupt nicht in Verhandlungslaune: Ich hätte doch theoretisch noch genug Zeit! Unter Verzicht auf größere Diskussionen – die sicher damit geendet hätten, dass ich Ihr geraten hätte, sich ihre rote Rose doch sonstwohin zu stecken – rase ich zurück zur Business Class und stelle mich ans Ende der noch weiter gewachsenen Schlange.
Warum geht’s nicht weiter? Nun, der gesamte Gepäckaufgabebereich ist von einer russischen Großfamilie blockiert, die eben ein Kaufhaus auf der Zeil leergekauft hat und nun damit beschäftigt ist, ihre Riesenkoffer umzupacken und alles als Handgepäck zu deklarieren. Da ist kein Durchkommen. Aber links von Ihnen erspähe ich drei weitere Lusttransen an drei freien Schaltern, die sich gerade gelangweilt die frisch gemachten Nägel trocknen. Unerschrocken mache ich die Obertranse auf diesen Leerlauf aufmerksam. Jetzt ist es ihr aber doch peinlich. Ganz schnell hebt sie den Sicherheitsbandverschluß an der Seite aus dem 3-Wege-Einhängesystems und läßt den Gurt mit integrierter Rotationsbremse in den Standpfosten des Personenleitsystems schnalzen, um mir und meinen Nutellakoffern den direkten Weg zu den drei nonchalanten Mädels freizumachen.
- Guten Tag Herr K.! Dürfen wir Sie in die erste Klasse upgraden? Das kostet Sie nur 65.000 Meilen!
- !!! Und zwar !!!
Ankunft in Tokio Narita. Schon die Fahrgastbrücke ist mit rotem Teppich ausgelegt. Die höflichen Umgangsformen der Japaner sind eine Wohltat.
24 Stunden später die E-Mail Nachricht auf dem BlackBerry mitten in der Nacht: Mein Arbeitgeber hat beschlossen, das Bankgeschäft und das Wertpapiergeschäft in Tokio komplett einzustellen.
Auf Geschäftsreise im Mai: Die Anfahrt zum Flughafen Narita wie immer sehr aufwendig: Da wir am südlichen Ende Tokios wohnen, müssen wir hierzu die ganze Stadt durchqueren. Der Flughafen ist dann weit außerhalb im Norden der Insel, in München würde man sagen: Ingolstadt, oder Erding. Der Flughafen-Express fährt zwar non-stop vom Tokioter Hauptbahnhof und braucht exakt eine Stunde. Aber wer wohnt schon am Tokioter Hauptbahnhof? Also für mich heißt das: Abflug 9:30 = Aufstehen 3:45.
Der Flughafen Narita selbst ist riesig aber übersichtlich, zweckmäßig und mit breiten Verkehrswegen ausgestattet. Das Einchecken ist in Sekunden erledigt, das Personal ausgesucht freundlich und hilfsbereit, und in guter Stimmung mache ich mich auf den Weg zur Lounge, für die ich eben einen Gutschein erhalten habe. Auf dem Weg dahin durchquere ich einen langen Tunnel, eine geschmackvolle architektonische Meisterleistung in gediegener Ausführung, mit schönen Pflanzen ausgestattet und mit 800 Metern Länge, die die beiden Flügelendpunkte des V-förmig angelegten Terminal 1 unterirdisch verbindet. Seltsamerweise bin ich der einzige Passagier, der sich hierunter verirrt hat. Als einzige andere Lebewesen in dieser Raumstation erspähe ich zwei Wachleute (mit den Leuchtschwertern der Jedi-Ritter) die damit beschäftigt sind, die Länge des Tunnels von entgegengesetzten Enden auf und abzuschreiten. In der Mitte, wenn sie sich begegnen, grüßen sie sich jedes Mal höflich. In einem Zustand entspannter Ruhe schwebe auf dem endlos langen Förderband nahezu lautlos an den Jedi-Rittern vorbei.
Mit dem eben erhaltenen Gutschein mache ich mir’s dann bis zum Abflug im gediegenen Ambiente der ANA-Lounge bequem und genehmige mir zum zweiten Frühstück eine Pilzcremesuppe, die sich gewaschen hat. Dies hätte ich lieber nicht tun sollen, denn am Flugsteig überrascht mich die nette Dame von der Lufthansa mit einem Präsent: Einem Sitzplatzwechsel in die 1. Klasse, und das bedeutet in 1. Linie eins: Kulinarische Verwöhnung! –
Ansonsten finde ich den Unterschied zur Business marginal: Die Sitze kommen mir unwesentlich größer vor, die Bildschirme sind sogar kleiner, und wenn man wie ich am Fenster sitzt, kann man wegen mangelnder Kopffreiheit nicht mal gerade aufstehen; dazu ist man im 1.Stock der 747 zu nahe an der Wölbung. Aber immerhin wird man während des gesamten Fluges mit Namen angesprochen, kriegt eine rote Rose vor den Sitz gesteckt und zur Begrüßung erstmal Kaviar und Champagner. Ich vertage also meinen Entschluß, während des Fluges Gewicht zu verlieren, auf den Rückflug.
Neben mir sitzt Herr S., ein älterer Herr mit angenehmen Umgangsformen, mit dem ich sehr schnell ins Gespräch komme. Herr S., der in den 60er Jahren ein bekanntes deutsches mittelständisches Unternehmen gegründet hat, ist ausgesprochener Japan-Freund: Seit vierzig Jahren kooperiert er mit japanischen Geschäftsfreunden und hat viele Partnerschaften zwischen regionalen deutschen und japanischen Wirtschaftsverbänden initiiert. Als Dank hat er sich eben den rosa Orden der aufgehenden Sonne beim japanischen Finanzminister abholen dürfen (der Tenno verleiht Orden nicht persönlich an Außerjapanische). Seit seiner Pensionierung vor 15 Jahren, mit 73, lernt Herr S. intensiv japanisch.
Da Herr S. den Pool mit Gegenstromanlage in seiner fränkischen Villa vermißt, steht er öfter auf und wandert ziellos durch die Gegend, um in Form zu bleiben. Ich bewundere seine Gewandtheit im Umgang mit Menschen, sprich hier mit dem fliegenden Personal, und frage mich, ob er dies seiner Japan-Affinität zu verdanken ist oder ob dies eine Generationenthema ist? Statt sich über das völlig zerbratene, zähe Steak, das man ihm serviert hat, zu beklagen, macht er den Lufthansen Komplimente ob des guten Service (Antwort: „Klar, wir sind ja auch vom Fach!“)
Nachdem wir die aktuellen wirtschafts- und finanzpolitischen Themen abgehandelt haben schwärmt mir Herr S. von der ersten Klasse von vor zwanzig Jahren vor (Bett im Oberdeck, Sessel im Unterdeck, Zwischenlandung am Eismeer und Aufnahme von zu sofortigem Verzehr geeigneter Meeresspinnen). Die Zeit vergeht wie im Flug, der viel zu kleine Fernseher bleibt ausgeschaltet. Erst in den letzten Flugstunden nehme ich meine Arbeitslektüre aus der Tasche; leider funktioniert aber die am Sessel angebrachte Leselampe nicht. Ich wende mich an den nächsten Luft-Hans:
- Würden Sie mir bitte zeigen, wie man die Leselampe einschaltet?
- Die funktioniert nicht. Die funktionieren hier alle nicht, in der ersten Klasse. Es handelt sich um eine Fehlkonstruktion!
- Aha. Vielen Dank!
Die Deutschen bauen die besten Autos der Welt, für die Wohnhäuser gilt wohl dasselbe, und auch das Frühstücksbuffet mit frischen Semmeln, Aufschnitt und Nutella deklassiert das handelsübliche japanische Morgenmahl aus Reis, rohem Ei und fermentierter Sojamilch um Längen. Bei den deutschen Flughäfen sieht’s aber ziemlich bös aus. Ich überlege mir, ob ich einen Brief an die Fraport AG absetzen soll mit folgendem Verbesserungsvorschlag: Abriß des gesamten Frankfurter Flughafens und Neubau durch ein japanisches Unternehmen. Bestückung ausschließlich mit japanischem Personal.
Bei der Rückkehr in die Heimat bin ich etwas überrascht, dass in Deutschland nicht mehr wie früher die meisten Konversationen mit „Ich bitte um Verzeihung!“ beginnen und mit „Verbindlichen Dank auch!“ enden. Sollte sich da was geändert haben?
Am Abend vor dem Rückflug ziehe ich mir die Anne-Will-Schow am Sonntagabend rein und schlafe danach sehr unruhig. Auch das Morgenprogramm des Radioweckers mit der aktuellen HR-Info-Berichterstattung zur Telekomabhöraffäre („klaffende Gesetzeslücken“, „die Menschenwürde in Gefahr“) sorgt bei mir für weitere innere Spannungen.
Etwas genervt mache ich mich mit meinen beiden Koffern (die Hinzunahme eines zweiten, kleineren Koffers war notwendig geworden, um meine Tokioter Nutellavorräte aufzustocken) auf den Weg zur U-Bahn. Angesichts neu aufgetretener Zukunftsängste beschließe ich, das Geld für das Taxi zu sparen – genügend Zeit habe ich ja, und von der Frankfurter Hauptwache fahren die S-Bahnen zum Flughafen ja bekanntlich alle zwanzig Minuten.
Als die S-Bahn dann 25 Minuten nach der geplanten Abfahrt immer noch nicht an der Hauptwache eingetroffen ist, fangen die sprichwörtlichen Eierkohlen unter mir an zu glühen. Seltsamerweise erfolgt keinerlei Durchsage, die Schaltzentrale in der Mitte des Bahnsteigs ist seit Jahren unbesetzt und verwüstet. Verzweifelt wende ich mich an einen schwarzen Scheriff, der den Zugführer der nächsten S-Bahn zu Herunterkurbeln seiner Scheibe bewegt: Ja, er hätte im Rückspiegel eine Flughafen-S-Bahn gesehen, es könne sich nur noch um Minuten handeln.
Als die Bahn dann mit 30 Minuten Verspätung eintrudelt, hat sich erheblicher Nachholbedarf angestaut. Blöderweise ist dann auch noch gerade der Waggon, vor dem ich stehe, wegen Vandalismus gesperrt. Ich hechte also mit meinen beiden Koffern zum nächsten, der dann wirklich gut besetzt ist; aus Tokio bin ich ja Gedränge gewöhnt! Allerdings ist das Publikum sehr gemischt, und ein Großteil der Fahrgäste sieht aus, als trage er sich mit ernsthaften Gedanken, diesen Waggon auch noch dem Vandalismus anheimzugeben.
Als ich dann mit erheblicher Verspätung in den freundlichen Hallen des Flughafen-S-Bahnhofes ankomme, ist meine Freude ob der gesparten 30 Taxi-Euro komplett verflogen und ich befinde mich in Panikstufe 1: Nach meinen Düsseldorfer Gesprächen habe ich davon auszugehen, daß ich am Morgen nach meiner Ankunft eine wichtige Mitteilung in der Tokioter Zweigstelle zu verlesen habe; ich darf also meinen Flug auf keinen Fall verpassen!
Der Business-Class Check-In der Lufthansa war vor fünf Monaten noch ganz am Ende der Halle A; als ich dort ankomme stelle ich fest, daß dort nun nur die erste Klasse Passagiere einchecken dürfen. Ich schleppe meine Sachen also wieder den halben Weg zurück; dummerweise hat sich aber beim Business Class Schalter eine lange Schlange gebildet. Die zur Koordination der Schlange abgestellte Dame ist jedoch sehr hilfsbereit:
- Haben Sie eine goldene Senatorkarte? Dann können Sie auch bei der ersten Klasse einchecken!
Ich hechte also die 100 Meter zurück zum 1. Klasse Check-In: Drei freie Schalter, jeder mit einer roten Rose bestückt und einer aufgeräumten Lufthansin dahinter! Erleichtert wuchte ich den ersten Koffer aufs Gepäckband und zücke meine Karte. Daß sich diese dann als silberne Frequent-Flyer-Karte (≠goldene Senatorkarte) entpuppt, wäre mir jetzt gar nicht aufgefallen; Lufthansinnen können aber auch streng sein, und die meine schien überhaupt nicht in Verhandlungslaune: Ich hätte doch theoretisch noch genug Zeit! Unter Verzicht auf größere Diskussionen – die sicher damit geendet hätten, dass ich Ihr geraten hätte, sich ihre rote Rose doch sonstwohin zu stecken – rase ich zurück zur Business Class und stelle mich ans Ende der noch weiter gewachsenen Schlange.
Warum geht’s nicht weiter? Nun, der gesamte Gepäckaufgabebereich ist von einer russischen Großfamilie blockiert, die eben ein Kaufhaus auf der Zeil leergekauft hat und nun damit beschäftigt ist, ihre Riesenkoffer umzupacken und alles als Handgepäck zu deklarieren. Da ist kein Durchkommen. Aber links von Ihnen erspähe ich drei weitere Lusttransen an drei freien Schaltern, die sich gerade gelangweilt die frisch gemachten Nägel trocknen. Unerschrocken mache ich die Obertranse auf diesen Leerlauf aufmerksam. Jetzt ist es ihr aber doch peinlich. Ganz schnell hebt sie den Sicherheitsbandverschluß an der Seite aus dem 3-Wege-Einhängesystems und läßt den Gurt mit integrierter Rotationsbremse in den Standpfosten des Personenleitsystems schnalzen, um mir und meinen Nutellakoffern den direkten Weg zu den drei nonchalanten Mädels freizumachen.
- Guten Tag Herr K.! Dürfen wir Sie in die erste Klasse upgraden? Das kostet Sie nur 65.000 Meilen!
- !!! Und zwar !!!
Ankunft in Tokio Narita. Schon die Fahrgastbrücke ist mit rotem Teppich ausgelegt. Die höflichen Umgangsformen der Japaner sind eine Wohltat.
24 Stunden später die E-Mail Nachricht auf dem BlackBerry mitten in der Nacht: Mein Arbeitgeber hat beschlossen, das Bankgeschäft und das Wertpapiergeschäft in Tokio komplett einzustellen.
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