Montag, 22. Dezember 2008
Kleine Herbstreise - Teil 1
Eigentlich macht man in Japan keine „Road Trips“. Eine der tragenden Hauptsäulen der japanischen Gesellschaft ist die Berechenbarkeit, und davon abgleitet sind die beiden Nebensäulen „klare Hierarchien“ und „unbedingte Vorhersagbarkeit“. Der Japaner und die Japanerin kennen ihr angestammtes Plätzchen und sie wissen jeden Morgen genau, wo sie hin müssen und was sie da zu tun haben.
Der Japaner fährt nicht mal eben ins Blaue: Jede Überland-Zugfahrt und jede Übernachtung wird mindestens drei Wochen im Voraus gebucht, damit sich alle beteiligten Parteien darauf einstellen können und nichts Unvorhergesehenes eintritt. Nur so können jeden Tag die Millionenheere auf ihren reservierten Sitzen in den Schnellzügen Platz nehmen und sich entspannt ihre Reisbällchen in den Mund schieben, welche sie dann mit dem eiskalten Bier aus den immer perfekt bestückten Verpflegungswägelchen hinunterspülen. Unvorhergesehene Ereignisse und Situationen führen zu stressbedingten Reaktionen wie laut hörbares Durch-die-Zähne-Luft-Einsaugen, spastische Verbeugungsanfälle oder völlige Erstarrung.
Patty und ich hatten mangels Kenntnis der japanischen Geographie nur eine vage Vorstellung davon, wo wir diesen Herbst hinwollten und wie schnell wir vorankommen würden. Auf jeden Fall wollten wir uns erholen vom Tokioter Dauer-Zugfahren, wir wollten schöne Landschaft erleben und anhalten wo es uns passt: Richtung Nagano in den japanischen Alpen sollte es gehen und dann weiter zum japanischen Meer: Ein „Road Trip“ also.
Kurz nach Büroschluß mietete ich einen bequemen Reisewagen im zweiten Tiefgeschoß meines Büro- und Dienstleistungszentrums Roppongi Hills.
Beeindruckend wieder die Prozeßoptimierung bei bekannten Abläufen: Nach Ausfüllen der Formulare werden ein paar Knöpfe gedrückt und das komplexe Aufzugsystem der sich über fünf Ebenen erstreckenden unterirdischen „Parklandschaft“ hievt den georderten Wagen herbei und schiebt ihn in die Vereinzelungsrampe hinter einer elektronisch freizugebenden Glastür, bereit zum Abschuß in den Tokioter Verkehrskosmos.
Der Fahrt nach Hause war ein Klacks: 30 Minuten statt den üblichen 50 mit dem Zug; doch am nächsten Morgen: Über eine Stunde und rund 150 Ampeln, bis wir an der gewünschten Autobahnauffahrt ankamen. Allerdings einmal auf der Autobahn, Richtung von Tokio weg, geht es zügig voran: Tiefes Aufatmen, als wir unseren Weg durch die wunderschöne Gebirgslandschaft westlich von Tokio bahnen, und der Fujiyama grüßt hinter jedem zweiten Tunnel.
Die erste Sehenswürdigkeit, die Ritterburg von Matsumoto in der Präfektur Nagano, absolvieren wir ohne Probleme: Großzügige Parkplätze, geringe Eintrittspreise, ein individueller Führer nur für uns – ein strahlender Pensionär mit rührendem Englisch, der sich über das alte Wortspiel „Ohio“ (Pattys Heimatstaat) und „ohio gozaimas“ (guten Morgen auf japanisch) ausschüttete vor Lachen. Bei der Inspektion der aus Holz gezimmerten Ritterburg wird einem schlagartig klar, daß sich Japan noch vor 150 Jahren, als ein gewisser Commodore Perry mit seiner schwarzen Flotte bei Shimoda an die Tür klopfte, auf einem Entwicklungsstand irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter befand.
Danach bequeme Weiterfahrt auf guten Nebenstraßen zur Künstlerstadt Obuse mit Boutiquencharakter und wiederum unerwartet guter touristischer Infrastruktur: Wir waren mitten auf dem Land und fühlten uns meilenweit von Tokio entfernt (was wir auch tatsächlich waren). Im Museum des Wellenmalers Hokusai: Ganz beeindruckend sein Chrysanthemen-Diptychon im Original und auf Rolle gehängt, vor dem man unwillkürlich kleben bleibt wie vor einem Grünewald oder einem da Vinci.
Hinterher noch ein Probiererle in der Gaststube einer gediegenen Sake-Brennerei: Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Es war ja immerhin schon fünf Uhr! In Tokio macht dies keinen großen Unterschied, auf dem flachen Land wird es dann allerdings zappenduster und etwas unübersichtlich. Die erste Übernachtung hatten wir – aus Respekt vor den japanischen Reise-Usancen – im Voraus gebucht: Einen kleinen Ryokan (traditioneller japanischer Gasthof) in einer kleinen Badestadt am Fuße der Berge, der von einem australischen Reiseführer warm empfohlen wurde („englischsprechender Wirt und Zen-Meister gibt Unterricht im Bogenschießen“)
Wir hatten allerdings noch ein Stück Fahrt vor uns in der Dunkelheit. Leider waren die meisten Straßenschilder jetzt nur noch japanisch beschriftet. Die Landstraßen, die jetzt wieder durch verdichtetes Gebiet führten, waren plötzlich ziemlich eng. Die lückenlosen Bordsteinreihen, welche die enge Fahrspur links und rechts von einem schmalen Fußpfad trennen, haben eine Höhe von geschätzten 25 Zentimetern, was beim Aufsetzen bleibende Schäden am Chassis zur Folge hätte. In dem engen und dunklen Kanal müssen wir aus der landesüblichen Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h immer wieder scharf abbremsen, um den Aufprall mit entgegenkommenden, unbeleuchteten Rollstuhlfahrern und Schulkindern abzumildern.
Schließlich erreichen wir Yudanaka-Onsen. Die Stadt entsprach auf den ersten Blick nicht unseren Bilderbuchvorstellungen eines Thermalbadeortes: Eine gewisse Lieblosigkeit im Detail ließ sich auch bei Dunkelheit nicht verstecken. Immerhin würde sich der Ort gut als Kulisse für einen europäischen Nachkriegs-Film eignen. Zum Beispiel Erster Weltkrieg.
Als wir beim Bahnhof mit dem abgeblätterten Holzdach angekommen waren, stellte sich das nächste Problem: Japanische Gasthöfe haben keine Gasthofschilder. Und außerdem gibt es in Japan keine Straßennamen. Das Nummerierungssystem der japanischen Städte, von einem buddhistischen Mönch im - dreizehnten Jahrhundert etnwickelt, reiht Häuserblocks und Häuser scheinbar willkürlich aneinander. Wenn ein Japaner eine ihm unbekannte Adresse aufsucht, bekommt er deshalb meistens eine schematische Karte in die Hand gedrückt, die er dem Taxifahrer überreichen kann. Dort sind dann wichtige Orientierungspunkte groß hervorgehoben: „Blaue Brücke“, „dritter McDonalds auf der linken Straßenseite“, „Eiffelturm“ etc.
Als wir den Ryokan schließlich über die nur in Bruchstücken verstandene telefonische Anweisung („Brücke an der Biegung des Flusses...abschüssige Harnleiter...zweite Bretterbude links“) erreichten, erwartete uns der Wirt schon an der Plexiglasschiebetür seiner Bretterbude, sein altes Väterchen verbeugte sich grüßend im Hintergrund. Ein Kettenhund war in der schmuddeligen Lobby des Empfangsbereiches angeleint und sprang aufgeregt auf den eigens für seine Notdurft ausgelegten Erwachsenenwindeln auf und nieder.
Wir waren dennoch froh, reserviert zu haben, denn es hatte sich noch ein weiteres -australisches - Touristenpaar in dieses Etablissement verirrt, mit dem wir das Plumpsklo auf dem Flur teilen durften. Unsere Kammer hatten wir allerdings ganz für uns alleine. Sie war aus Faserplatten mittlerer Dichte gezimmert. Um dem Türrahmen die zur Schließung notwendige Stabilität zu verleihen, hatte man für den Pfosten auf der Schloßseite einen unbehandelten Espenast ausgewählt. Der vorherrschende Farbton der Aussenwände war Lebkuchen. Die Futons waren auf den Tatami-Matten schon liebevoll ausgerollt, wir wickelten uns in die zeremoniellen Jukatas, tranken von der aufgebrühten Zigarrenasche und ließen uns erschöpft zu Boden sinken.-
Am nächsten Morgen dann das böse Erwachen: Erstens taten von dem Auf-dem-Boden-Schlafen mal wieder alle Glieder weh, und zweitens gab’s kein Frühstück. Nur die Australier bekamen was zu Essen; in der Aufregung hatten der Wirt und sein altes Väterchen vergessen uns zu fragen, ob wir auch was wollten.
Wir zogen uns in die Schmollecke zurück, in der glücklicherweise ein Gemeinschafts-Badezuber mit Thermalwasser untergebracht war. Bis zur Halskrause ließen wir uns in den nach Geschlechtern getrennten Becken ins heiße Wasser sinken. Erfrischt, entspannt und mit der Welt versöhnt packten wir danach unsere Sachen und machten uns wieder auf den Weg. Der Kettenhund sprang erregt auf den Windeln, die inzwischen Gebrauchsspuren auswiesen, auf und ab. Herzlich verabschiedete uns der Wirt, dessen kleines Väterchen inzwischen zum Mütterchen mutiert war – kein schlechter Trick!
Der Japaner fährt nicht mal eben ins Blaue: Jede Überland-Zugfahrt und jede Übernachtung wird mindestens drei Wochen im Voraus gebucht, damit sich alle beteiligten Parteien darauf einstellen können und nichts Unvorhergesehenes eintritt. Nur so können jeden Tag die Millionenheere auf ihren reservierten Sitzen in den Schnellzügen Platz nehmen und sich entspannt ihre Reisbällchen in den Mund schieben, welche sie dann mit dem eiskalten Bier aus den immer perfekt bestückten Verpflegungswägelchen hinunterspülen. Unvorhergesehene Ereignisse und Situationen führen zu stressbedingten Reaktionen wie laut hörbares Durch-die-Zähne-Luft-Einsaugen, spastische Verbeugungsanfälle oder völlige Erstarrung.
Patty und ich hatten mangels Kenntnis der japanischen Geographie nur eine vage Vorstellung davon, wo wir diesen Herbst hinwollten und wie schnell wir vorankommen würden. Auf jeden Fall wollten wir uns erholen vom Tokioter Dauer-Zugfahren, wir wollten schöne Landschaft erleben und anhalten wo es uns passt: Richtung Nagano in den japanischen Alpen sollte es gehen und dann weiter zum japanischen Meer: Ein „Road Trip“ also.
Kurz nach Büroschluß mietete ich einen bequemen Reisewagen im zweiten Tiefgeschoß meines Büro- und Dienstleistungszentrums Roppongi Hills.
Beeindruckend wieder die Prozeßoptimierung bei bekannten Abläufen: Nach Ausfüllen der Formulare werden ein paar Knöpfe gedrückt und das komplexe Aufzugsystem der sich über fünf Ebenen erstreckenden unterirdischen „Parklandschaft“ hievt den georderten Wagen herbei und schiebt ihn in die Vereinzelungsrampe hinter einer elektronisch freizugebenden Glastür, bereit zum Abschuß in den Tokioter Verkehrskosmos.
Der Fahrt nach Hause war ein Klacks: 30 Minuten statt den üblichen 50 mit dem Zug; doch am nächsten Morgen: Über eine Stunde und rund 150 Ampeln, bis wir an der gewünschten Autobahnauffahrt ankamen. Allerdings einmal auf der Autobahn, Richtung von Tokio weg, geht es zügig voran: Tiefes Aufatmen, als wir unseren Weg durch die wunderschöne Gebirgslandschaft westlich von Tokio bahnen, und der Fujiyama grüßt hinter jedem zweiten Tunnel.
Die erste Sehenswürdigkeit, die Ritterburg von Matsumoto in der Präfektur Nagano, absolvieren wir ohne Probleme: Großzügige Parkplätze, geringe Eintrittspreise, ein individueller Führer nur für uns – ein strahlender Pensionär mit rührendem Englisch, der sich über das alte Wortspiel „Ohio“ (Pattys Heimatstaat) und „ohio gozaimas“ (guten Morgen auf japanisch) ausschüttete vor Lachen. Bei der Inspektion der aus Holz gezimmerten Ritterburg wird einem schlagartig klar, daß sich Japan noch vor 150 Jahren, als ein gewisser Commodore Perry mit seiner schwarzen Flotte bei Shimoda an die Tür klopfte, auf einem Entwicklungsstand irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter befand.
Danach bequeme Weiterfahrt auf guten Nebenstraßen zur Künstlerstadt Obuse mit Boutiquencharakter und wiederum unerwartet guter touristischer Infrastruktur: Wir waren mitten auf dem Land und fühlten uns meilenweit von Tokio entfernt (was wir auch tatsächlich waren). Im Museum des Wellenmalers Hokusai: Ganz beeindruckend sein Chrysanthemen-Diptychon im Original und auf Rolle gehängt, vor dem man unwillkürlich kleben bleibt wie vor einem Grünewald oder einem da Vinci.
Hinterher noch ein Probiererle in der Gaststube einer gediegenen Sake-Brennerei: Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Es war ja immerhin schon fünf Uhr! In Tokio macht dies keinen großen Unterschied, auf dem flachen Land wird es dann allerdings zappenduster und etwas unübersichtlich. Die erste Übernachtung hatten wir – aus Respekt vor den japanischen Reise-Usancen – im Voraus gebucht: Einen kleinen Ryokan (traditioneller japanischer Gasthof) in einer kleinen Badestadt am Fuße der Berge, der von einem australischen Reiseführer warm empfohlen wurde („englischsprechender Wirt und Zen-Meister gibt Unterricht im Bogenschießen“)
Wir hatten allerdings noch ein Stück Fahrt vor uns in der Dunkelheit. Leider waren die meisten Straßenschilder jetzt nur noch japanisch beschriftet. Die Landstraßen, die jetzt wieder durch verdichtetes Gebiet führten, waren plötzlich ziemlich eng. Die lückenlosen Bordsteinreihen, welche die enge Fahrspur links und rechts von einem schmalen Fußpfad trennen, haben eine Höhe von geschätzten 25 Zentimetern, was beim Aufsetzen bleibende Schäden am Chassis zur Folge hätte. In dem engen und dunklen Kanal müssen wir aus der landesüblichen Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h immer wieder scharf abbremsen, um den Aufprall mit entgegenkommenden, unbeleuchteten Rollstuhlfahrern und Schulkindern abzumildern.
Schließlich erreichen wir Yudanaka-Onsen. Die Stadt entsprach auf den ersten Blick nicht unseren Bilderbuchvorstellungen eines Thermalbadeortes: Eine gewisse Lieblosigkeit im Detail ließ sich auch bei Dunkelheit nicht verstecken. Immerhin würde sich der Ort gut als Kulisse für einen europäischen Nachkriegs-Film eignen. Zum Beispiel Erster Weltkrieg.
Als wir beim Bahnhof mit dem abgeblätterten Holzdach angekommen waren, stellte sich das nächste Problem: Japanische Gasthöfe haben keine Gasthofschilder. Und außerdem gibt es in Japan keine Straßennamen. Das Nummerierungssystem der japanischen Städte, von einem buddhistischen Mönch im - dreizehnten Jahrhundert etnwickelt, reiht Häuserblocks und Häuser scheinbar willkürlich aneinander. Wenn ein Japaner eine ihm unbekannte Adresse aufsucht, bekommt er deshalb meistens eine schematische Karte in die Hand gedrückt, die er dem Taxifahrer überreichen kann. Dort sind dann wichtige Orientierungspunkte groß hervorgehoben: „Blaue Brücke“, „dritter McDonalds auf der linken Straßenseite“, „Eiffelturm“ etc.
Als wir den Ryokan schließlich über die nur in Bruchstücken verstandene telefonische Anweisung („Brücke an der Biegung des Flusses...abschüssige Harnleiter...zweite Bretterbude links“) erreichten, erwartete uns der Wirt schon an der Plexiglasschiebetür seiner Bretterbude, sein altes Väterchen verbeugte sich grüßend im Hintergrund. Ein Kettenhund war in der schmuddeligen Lobby des Empfangsbereiches angeleint und sprang aufgeregt auf den eigens für seine Notdurft ausgelegten Erwachsenenwindeln auf und nieder.
Wir waren dennoch froh, reserviert zu haben, denn es hatte sich noch ein weiteres -australisches - Touristenpaar in dieses Etablissement verirrt, mit dem wir das Plumpsklo auf dem Flur teilen durften. Unsere Kammer hatten wir allerdings ganz für uns alleine. Sie war aus Faserplatten mittlerer Dichte gezimmert. Um dem Türrahmen die zur Schließung notwendige Stabilität zu verleihen, hatte man für den Pfosten auf der Schloßseite einen unbehandelten Espenast ausgewählt. Der vorherrschende Farbton der Aussenwände war Lebkuchen. Die Futons waren auf den Tatami-Matten schon liebevoll ausgerollt, wir wickelten uns in die zeremoniellen Jukatas, tranken von der aufgebrühten Zigarrenasche und ließen uns erschöpft zu Boden sinken.-
Am nächsten Morgen dann das böse Erwachen: Erstens taten von dem Auf-dem-Boden-Schlafen mal wieder alle Glieder weh, und zweitens gab’s kein Frühstück. Nur die Australier bekamen was zu Essen; in der Aufregung hatten der Wirt und sein altes Väterchen vergessen uns zu fragen, ob wir auch was wollten.
Wir zogen uns in die Schmollecke zurück, in der glücklicherweise ein Gemeinschafts-Badezuber mit Thermalwasser untergebracht war. Bis zur Halskrause ließen wir uns in den nach Geschlechtern getrennten Becken ins heiße Wasser sinken. Erfrischt, entspannt und mit der Welt versöhnt packten wir danach unsere Sachen und machten uns wieder auf den Weg. Der Kettenhund sprang erregt auf den Windeln, die inzwischen Gebrauchsspuren auswiesen, auf und ab. Herzlich verabschiedete uns der Wirt, dessen kleines Väterchen inzwischen zum Mütterchen mutiert war – kein schlechter Trick!
Samstag, 13. Dezember 2008
Sonntag, 7. Dezember 2008
Samstag, 29. November 2008
Ginko – guck mal wer da bei der Bank vorspricht
Ginko ist japanisch und heißt Bank. Gestern nachmittag um 15:20 Uhr schlenze ich mal wieder durch die Gänge von Roppongi Hills in Richtung Ginko. Im Hintergrund plätschert Carla Bruni aus allen Lautsprechern. Mit einem großen weißen Zettel in der Hand kurve ich an den vier Geldautomaten und dem Uniformierten der Shei-sen Bank vorbei in den Schalterbereich. Zu viert stürzen sich die netten jungen Damen auf mich nach dem Motto: Na, womit können wir Dir heute wieder Deinen Tag versüßen? Die Filialleiterin wartet an der Seite, um im Notfall einzuspringen.
- Ich möchte gerne 300.000 Yen überweisen, an den Zahnarzt meiner Frau. Die hat nämlich eine Spange gekriegt.
- Wohnt der Zahnarzt in Japan?
- Ja!
- Aha, eine Inlandszahlung. Da haben Sie leider Pech! Inlandszahlungen werden nur bis 14:30 Uhr angenommen! Haben Sie denn die Geheimkarte mit der Zahlentabelle?
- Nein, hab ich nicht. Aber guckt mal, hier ist meine Automatenkarte, und den Geheimcode weiß ich auch! (triumphierend)
- Tut uns leid, geht nicht. Nur mit der Geheimkarte können Sie Internetzahlungen machen
- Ich will gar keine Internetzahlung machen. Ich gebe lieber hier bei Euch meinen Zahlungsauftrag persönlich ab, das geht viel schneller. Und ihr seid immer so nett. Kann ich den Auftrag denn nicht heute nachmittag schon für morgen abgeben?
- Nein. Nur bis 14:30 Uhr. (Und dann im Chor) Tuut uns ja sooo leeeiiid! Aber zeigen Sie mal her. Ist der Name des Zahnarztes in der Silbenschrift Katakana geschrieben?
- Der Name der Praxis steht in der Silbenschrift Katakana drauf, der Name des Zahnarztes sogar in der Symbolschrift Kanji! (auftrumpfend)
- Das geht leider nicht! Wir brauchen auch den Namen des Zahnarztes in der Silbenschrift Katakana!
- Ja was denn, das könnt Ihr doch nicht machen! Der Name der Bank ist in der Symbolschrift Kanji, die Filiale in Kanji, die Kontobezeichnung in Kanji, das ist doch verdammt noch mal Eure nationale Schrift (die ich auch nicht ansatzweise lesen kann), wieso muß dann der Name des Empfängers jetzt ausgerechnet in der Silbenschrift Katakana dastehen???
- (Im Chor) Tuut uns ja sooo leeeiiid!
Die Filialleiterin gesellt sich hinzu und nickt zustimmend. Ich gebe klein bei:
- Also gut, dann ruf ich jetzt meine Frau an, und die ruft den Zahnarzt an und fragt ihn, ob sein Name unbedingt draufstehen muß und wie er ihn in der Silbenschrift Katakana schreibt, und morgen komme ich wieder!
- OK, und nicht vergessen: Vor 14:30 Uhr!
- Also, alles klar Ihr Lieben. Bis morgen dann! Tschüß!
- Halt, Entschuldigung, kommen Sie doch bitte noch mal her!
- Was ist jetzt noch?
- Also, Entschuldigung, aber der Name des Zahnarztes, ja?
- Ja?
- Können Sie den bitte freundlicherweise in der Silbenschrift Katakana schreiben?
- ???
Ich verneige mich ohne weitere Gegenrede vor den vier grinsenden jungen Damen, dann vor der Filialleiterin, und erwidere auch noch – mit der mir inzwischen erwachsenen asiatischen Seelenruhe – den Gruß des vor den vier Geldautomaten postierten Blauuniformierten mit der schicken Schirmmütze.
Nach einem Jahr kenne ich die meisten der Zeichen der Silbenschrift Katakana – das sind ja nur 46. Im Gegensatz dazu hat die Symbolschrift Kanji, die japanische Variante der chinesischen Schrift, bis zu 80.000 Zeichen. Knapp 2.000 davon muß jeder japanische Schüler im Laufe eines harten Schülerlebens erlernen. Das Entziffern eines Kanji-Zeichens, welches bis zu sechs verschiedene Aussprachen und – je nach Zusammenhang – bis zu 60 verschiedene Bedeutungen haben kann, entspricht im geistigen Anspruch mindestens der Lösung einer Denksportaufgabe im hessischen Mathematik-Abitur.
Sie Silbenschrift Katakana ist aber noch machbar, und von der auf der Rechnung stehenden lateinischen Umschreibung leite ich den Namen des Zahnarztes in diese Silbenschrift um. Mit meinem Gekrakel mache ich mich am nächsten Tag auf den Weg zur Shei-sen Bank.
Die junge Kollegin mit den guten Englischkenntnissen ist wieder da.
- Hallo, haben Sie den Namen des Zahnarztes auch in Katakana geschrieben?
Stolz zeige ich ihr meinen Zettel mit dem Gekrakel.
- Gut, dann füllen Sie bitte dieses Überweisungsformular aus. Und: Geben Sie uns bitte Ihre Telefonnummer? Wenn irgend etwas nicht klappt, werden wir Sie anrufen!
- Sie können mich jederzeit anrufen, auch wenn alles klappt!
- Sie Schelm! Bitte geben Sie mir noch die Rechnung des Zahnarztes und den Zettel mit Ihrem Gekrakel.
- Wieso?
- Darf ich den Zettel Kopieren? Falls etwas mit der Zahlung schiefgeht….
- Ich möchte gerne 300.000 Yen überweisen, an den Zahnarzt meiner Frau. Die hat nämlich eine Spange gekriegt.
- Wohnt der Zahnarzt in Japan?
- Ja!
- Aha, eine Inlandszahlung. Da haben Sie leider Pech! Inlandszahlungen werden nur bis 14:30 Uhr angenommen! Haben Sie denn die Geheimkarte mit der Zahlentabelle?
- Nein, hab ich nicht. Aber guckt mal, hier ist meine Automatenkarte, und den Geheimcode weiß ich auch! (triumphierend)
- Tut uns leid, geht nicht. Nur mit der Geheimkarte können Sie Internetzahlungen machen
- Ich will gar keine Internetzahlung machen. Ich gebe lieber hier bei Euch meinen Zahlungsauftrag persönlich ab, das geht viel schneller. Und ihr seid immer so nett. Kann ich den Auftrag denn nicht heute nachmittag schon für morgen abgeben?
- Nein. Nur bis 14:30 Uhr. (Und dann im Chor) Tuut uns ja sooo leeeiiid! Aber zeigen Sie mal her. Ist der Name des Zahnarztes in der Silbenschrift Katakana geschrieben?
- Der Name der Praxis steht in der Silbenschrift Katakana drauf, der Name des Zahnarztes sogar in der Symbolschrift Kanji! (auftrumpfend)
- Das geht leider nicht! Wir brauchen auch den Namen des Zahnarztes in der Silbenschrift Katakana!
- Ja was denn, das könnt Ihr doch nicht machen! Der Name der Bank ist in der Symbolschrift Kanji, die Filiale in Kanji, die Kontobezeichnung in Kanji, das ist doch verdammt noch mal Eure nationale Schrift (die ich auch nicht ansatzweise lesen kann), wieso muß dann der Name des Empfängers jetzt ausgerechnet in der Silbenschrift Katakana dastehen???
- (Im Chor) Tuut uns ja sooo leeeiiid!
Die Filialleiterin gesellt sich hinzu und nickt zustimmend. Ich gebe klein bei:
- Also gut, dann ruf ich jetzt meine Frau an, und die ruft den Zahnarzt an und fragt ihn, ob sein Name unbedingt draufstehen muß und wie er ihn in der Silbenschrift Katakana schreibt, und morgen komme ich wieder!
- OK, und nicht vergessen: Vor 14:30 Uhr!
- Also, alles klar Ihr Lieben. Bis morgen dann! Tschüß!
- Halt, Entschuldigung, kommen Sie doch bitte noch mal her!
- Was ist jetzt noch?
- Also, Entschuldigung, aber der Name des Zahnarztes, ja?
- Ja?
- Können Sie den bitte freundlicherweise in der Silbenschrift Katakana schreiben?
- ???
Ich verneige mich ohne weitere Gegenrede vor den vier grinsenden jungen Damen, dann vor der Filialleiterin, und erwidere auch noch – mit der mir inzwischen erwachsenen asiatischen Seelenruhe – den Gruß des vor den vier Geldautomaten postierten Blauuniformierten mit der schicken Schirmmütze.
Nach einem Jahr kenne ich die meisten der Zeichen der Silbenschrift Katakana – das sind ja nur 46. Im Gegensatz dazu hat die Symbolschrift Kanji, die japanische Variante der chinesischen Schrift, bis zu 80.000 Zeichen. Knapp 2.000 davon muß jeder japanische Schüler im Laufe eines harten Schülerlebens erlernen. Das Entziffern eines Kanji-Zeichens, welches bis zu sechs verschiedene Aussprachen und – je nach Zusammenhang – bis zu 60 verschiedene Bedeutungen haben kann, entspricht im geistigen Anspruch mindestens der Lösung einer Denksportaufgabe im hessischen Mathematik-Abitur.
Sie Silbenschrift Katakana ist aber noch machbar, und von der auf der Rechnung stehenden lateinischen Umschreibung leite ich den Namen des Zahnarztes in diese Silbenschrift um. Mit meinem Gekrakel mache ich mich am nächsten Tag auf den Weg zur Shei-sen Bank.
Die junge Kollegin mit den guten Englischkenntnissen ist wieder da.
- Hallo, haben Sie den Namen des Zahnarztes auch in Katakana geschrieben?
Stolz zeige ich ihr meinen Zettel mit dem Gekrakel.
- Gut, dann füllen Sie bitte dieses Überweisungsformular aus. Und: Geben Sie uns bitte Ihre Telefonnummer? Wenn irgend etwas nicht klappt, werden wir Sie anrufen!
- Sie können mich jederzeit anrufen, auch wenn alles klappt!
- Sie Schelm! Bitte geben Sie mir noch die Rechnung des Zahnarztes und den Zettel mit Ihrem Gekrakel.
- Wieso?
- Darf ich den Zettel Kopieren? Falls etwas mit der Zahlung schiefgeht….
Montag, 13. Oktober 2008
"Are you Riehmann Bladder?"
Mein Büro befindet sich im 37. Stock des Mori Tower, welcher das Zentrum von Roppongi Hills bildet. Roppongi Hills ist eine Stadt in der Stadt, fünf Jahre alt, und immer noch das Zentrum der Haute Volé. Neben der größten Fernsehstation und dem größten Kino-Center des Landes beherbergt diese Stadtlandschaft eines der besten Hotels, die exklusivsten Läden, Sterne-Restaurants, Banken, Fitness-Studios, Massage-Salons, und alles was der Mensch sonst noch im Laufe eines Büroalltags zu schätzen weiß bzw. was die mit Bussen anreisenden Touristengruppen, Schulklassen und Pfadfindertrupps zum Staunen bringt. Dadurch daß sich die Gebäude-Landschaft über ein Dutzend Etagen wie eine japanische Burg um den Mori-Tower windet sind die Distanzen kurz; durch eine extrem ausgefeilte, kurzweilige und durchdachte Architektur aus besten, geschmackvollen Materialen (bin ich hier in Japan?) ist jeder Gang durch Roppongi Hills selbst nach einem Jahr noch stimulierend und kurzweilig.
Heute ist meine Stimmung jedoch nicht nur wegen der nicht enden wollenden Finanzkrise gedämpft. Von einem Kollegen habe ich erfahren, daß sich meine Tokioter Lieblingsband, die Silver Beats, getrennt hat. Betrübt latsche ich nach draußen und komme am Haupteingang an dem Steinquader mit der klotzigen Aufschrift „Lehman Brothers“, der immer mehr wie ein Grabstein aussieht, vorbei. Seit einigen Tagen stehen Kamerateams vor dem Gebäude um mit einem der 1300 Angestellten, welche nach der Insolvenz ihres Unternehmens mit gefüllten Aldi-Tüten aus dem Gebäude laufen, ein Interview zu erhalten. „Are you Riehmann Bladder?“ fragt mich der japanische Reporter. Ich verneine dies, soll er doch glauben, daß ich einer der 1500 „Goldmänner“ bin, die ebenfalls im Gebäude arbeiten.
Nach fünf Minuten komme ich mitten im Vergnügungsviertel Roppongi vor dem Cavern Club zu stehen: Im letzten Jahr bin ich mindestens einmal im Monat hier eingekehrt und wurde jedes Mal musikalisch tief befriedigt wieder rausgekehrt. Die Japaner haben ein unglaubliches Talent und einen eisernen Willen zur Kopie und zur Prozessoptimierung. Die vier Jungs, die vor sechs Jahren vom Club-Besitzer unter den besten Tokioter Musikern ausgewählt und als Hausband zusammengestellt wurden, hatten den Beatles-Prozess perfektioniert: Neben den Originalinstrumenten und den maßgeschneiderten Anzügen: Paul immer mit leicht nach oben geneigtem Kopf, Ringo immer mit einem verschmitzt dämlichen Grinsen und perfektem, abwechslungsreichen Schlag, Kubo als George einer der besten Gitarristen Japans, und Mabu als John schon am Rande einer Illusion: Als Halbamerikaner sieht er nicht nur aus wie der junge John Lennon, in dessen Todesjahr er geboren wurde, sondern er hat auch exakt seine Stimme, die natürlich-antrainierte Körperhaltung und den Gitarrenanschlag. Daß der Junge dann auch noch den Keyboard-Part der McCartney-Stücke übernahm und teilweise die Soli von George Harrison spielte grenzte dann schon an der Vorstellungskraft des eingefleischten Beatles-Fans. Wenn Mabu mit verzückt entspanntem Gesicht die Schlußharmonien von „I want to hold your hand“ ins Mikrofon stieß und dabei die Pilzkopfmähne schüttelte, lief auch abgebrühten japanischen Mafiabossen ein kalter Schauer durchs Rückenmark: Du warst mitten in der Beatles-Hysterie der frühen sechziger Jahre.
Die Jungs spielten hier sechs Jahre lang fünf Tage die Woche von abends sieben bis morgens um zwei. Durch die ständige Wiederholung waren die Silver Beats in der Präsentation der Lieder besser, als es die Original-Beatles je sein konnten. Nach einer fulminanten zweiten Tournee durch die Vereinigten Staaten in diesem Sommer haben sie ihren Vertrag noch bis 31. August erfüllt, dann war Schluß. – Ich stehe vor dem lindgrünen Vespa-Rolle aus den sechziger Jahren, der immer vor dem Cavern Club geparkt ist, und spüre ein Gefühl der Leere wie im Frühjahr 1970.
Um mich zu trösteln beschließe ich, indisch zu essen und gehe zu Bernd’s Bar. Lustlos stochere ich in meiner Currywurst herum und nippe an dem viel zu bitteren Jever. Die Alternativen in diesem Restaurant sind auch nicht besser: Es dürfte sich doch inzwischen in Tokio herumgesprochen haben, daß ich nicht auf Hefeweißbier stehe, und auch das klebrige dunkle Köstritzer ist nicht gerade meine Marke. Ich lechze nach einem klaren, frischen Asahi, einem Sapporo oder Kirin! Ich fasse den Entschluss, Bernd demnächst mal vorzuschlagen, doch endlich auch süffiges japanisches Bier in seiner deutschen Kneipe auszuschenken; mal sehen, wie er’s aufnimmt. Das mache ich aber erst, wenn ich wieder gute Laune habe.
Wieder auf der Strasse gehe ich achtlos an den jungen Damen vorbei, deren Aufzug auch in jedem Frankfurter Kontakthof als völlig unauffällig durchgehen würde. Ich meine nicht die Mädels aus den „Hostess Bars“ („dorink and talk only!“), sondern die ganz normalen OLs („office ladies“), deren Pirsch nach jungen Investment Bankern oder Staranwälten, welche noch nicht von der Finanzkrise betroffen sind, etwas schwieriger geworden sein dürfte. – Vor dem Schaufenster des Bentley-Händlers stelle ich fest, daß dieser auch schon auf die Herbstfarben umgestellt hat: Letzten Monat waren noch alle sieben Ausstellungsstücke in der Modefarbe weiß gehalten, inzwischen herrschen wieder erdige Töne vor. Auch der Maserati-Händler nebenan hat inzwischen von aggressivem Gelb auf getragenes Silber umgestellt.
Auf der Rolltreppe schlängele ich mich an dem Typen im blauen Anton vorbei, der den befördernden Personen immer nur sein Hinterteil zeigt; geht auch nicht anders, denn mit dem gesamten Oberkörper ist er über das Gummiband des Handlaufs geklappt um mit einem großen weißen Tuch treppauf treppab die Glasseitenwände des Rollsteigs sauberzuhalten. Seine Kollegin reinigt wie jeden Tag mit einem Spezialgerät die Zwischenräume zwischen den Gumminoppen des Braillebandes, welches sich über alle Laufwege Roppongis erstreckt: Rückstände könnten hier zu Sprachfehlern führen.
Ich setze mich in die nächste U-Bahn und fahre nach Ochanomizu. Ochanomizu ist einer dieser Stadtteile Tokios, die sich auf ein spezielles Gewerbe spezialisiert haben. In Ochanomizu ist es das Musikgewerbe und speziell der Handel mit Gitarren: Es gibt unzählige Gitarrenläden, Tür an Tür, über mehrere Stockwerke, neue Gitarren, gebrauchte Gitarren, billige, teure, eine in der Welt wohl einmalige Auswahl. Ich lande in einem Laden, der nur Linkshändergitarren verkauft. Ehrfurchtsvoll streichle ich über die Fenders, Gibsons und Ovations, die zu hunderten an der Wand hängen. Alle nur für Linkshänder. Vielleicht, wenn sich die Finanzmärkte wieder erholt haben….?
Wieder draußen vor der Tür dasselbe belebte Treiben wie im Vergnügungsviertel Roppongi, nur hier in Ochanomizu mit einer deftigen Prise Studentin und Krankenschwester, da sich hier auch die Universitätskliniken befinden. Ob es hier wohl auch „Hostess Bars“ für Linkshänder gibt? Ich hole tief Luft und entscheide dann, daß ich heute keine Streicheleinheiten mehr verdient habe, daß ich ja eigentlich gar kein richtiger Linkshänder bin, und daß meine Mittagspause auch mal irgendwann zu Ende gehen muß.
Im Büro versuche ich wieder tief Luft zu holen, kann aber nur japsen. Meine Atemprobleme beängstigen mich schon seit einigen Wochen, die haben schon vor der Finanzkrise und vor meine Fuji-Besteigung begonnen, und um 17:00 Uhr beschließe ich dann endlich schweren Herzens und mit schwerer Lunge, die „Roppongi-Hills-Clinic“, eine Gemeinschaftspraxis von Ärzten aller Richtungen hier im Hause, aufzusuchen.
Ohne Warten komme ich sofort in die Konsultation. Die junge japanische Ärztin macht den Eindruck, als wäre Sie im Verlauf des sicher bisher schon achtstündigen Arbeitstages noch nicht in direkten Kontakt mit ihrer Kleidung gekommen. Die kurzen Ärmel des weißes Kittels weisen scharfe Bügelkanten auf, der Blusenkragen steht kerzengerade und blütenweiß in die Höhe, auf ihrem makellosen Gesicht sind weder Falten der Anstrengung noch Spuren von Schweiß auszumachen.
Kaum hat Sie mich abgehört legt Sie mir auch schon einen Ablaufplan vor und übergibt mich nahtlos an die beiden Vorzimmerdamen, die dem klassischen Idealbild einer Krankenschwester aus einem Krankenschwesterfilm entsprechen. Die beiden machen sich unverzüglich an die Arbeit: Die eine zapft Blut („Ich bitte vielmals um Verzeihung“ lautet die Ansage vor dem Piekser) während die Kollegin schon mal die Umlaufmappe für die Kollegen bestückt. Mit einer auf der Einstichstelle angelegten Druckkompresse werde ich an die Röntgenabteilung weitergereicht, wo man mich schon erwartet und schnell zwei Bilder von meiner Lunge anfertigt. Der Kollege von der Lufu wartet schon hinter der nächsten Tür. Er mimt nicht nur die Atemprozedur vor, sondern zieht auch nach erfolgtem Pustetest das von der Krankenschwester vorbereitete Pflaster aus der Umlaufmappe, denn jetzt kann der Druckverband von meiner Einstichstelle entfernt werden. Zurück bei den beiden Schwestern: die eine kniet sich vor mir nieder und entschuldigt sich vielmals dafür, an meinem kleinen Finger einen Sauerstofftest durchzuführen, während die andere den Bleistift zwirbelt.
Die Ärztin erwartet mich schon, und hat auch die Röntgenbilder schon auf ihrem Bildschirm. Ausführliche Besprechung der Ergebnisse, kurze Nachfrage beim Kollegen, ob dem dazu noch was einfällt, Gesundsprechung und Entlassung. Der ganze Prozeß war nach 60 Minuten vorbei, wobei die Zusammenstellung der Rechnung durch die Damen der Buchhaltung noch am längsten dauerte. Außerdem musste ich noch von der Bank auf derselben Etage das nötige Kleingeld abholen, um Honorar von ca. 160 EUR berappen, was ich angesichts des Personal- und technischen Aufwands sowie des auf diesem Gelände üblichen Quadratmeterpreises von 100 EUR für angemessen halte.
Beeindruckt vom japanischen Talent zur Prozessoptimierung im Gesundheitsgewerbe und vergnügt ob des guten Ergebnisses – meine Lunge läuft nach wie vor auf satten 100 bis 130% –- hole ich in der Apotheke auf demselben Stockwerk noch schnell die verschriebenen Psychopharmaka ab, die ich angesichts der günstigen Prognose gar nicht mehr benötige, denn ich bin erst mal wieder von meinem hypochondrischen Anfall erlöst.
Heute ist meine Stimmung jedoch nicht nur wegen der nicht enden wollenden Finanzkrise gedämpft. Von einem Kollegen habe ich erfahren, daß sich meine Tokioter Lieblingsband, die Silver Beats, getrennt hat. Betrübt latsche ich nach draußen und komme am Haupteingang an dem Steinquader mit der klotzigen Aufschrift „Lehman Brothers“, der immer mehr wie ein Grabstein aussieht, vorbei. Seit einigen Tagen stehen Kamerateams vor dem Gebäude um mit einem der 1300 Angestellten, welche nach der Insolvenz ihres Unternehmens mit gefüllten Aldi-Tüten aus dem Gebäude laufen, ein Interview zu erhalten. „Are you Riehmann Bladder?“ fragt mich der japanische Reporter. Ich verneine dies, soll er doch glauben, daß ich einer der 1500 „Goldmänner“ bin, die ebenfalls im Gebäude arbeiten.
Nach fünf Minuten komme ich mitten im Vergnügungsviertel Roppongi vor dem Cavern Club zu stehen: Im letzten Jahr bin ich mindestens einmal im Monat hier eingekehrt und wurde jedes Mal musikalisch tief befriedigt wieder rausgekehrt. Die Japaner haben ein unglaubliches Talent und einen eisernen Willen zur Kopie und zur Prozessoptimierung. Die vier Jungs, die vor sechs Jahren vom Club-Besitzer unter den besten Tokioter Musikern ausgewählt und als Hausband zusammengestellt wurden, hatten den Beatles-Prozess perfektioniert: Neben den Originalinstrumenten und den maßgeschneiderten Anzügen: Paul immer mit leicht nach oben geneigtem Kopf, Ringo immer mit einem verschmitzt dämlichen Grinsen und perfektem, abwechslungsreichen Schlag, Kubo als George einer der besten Gitarristen Japans, und Mabu als John schon am Rande einer Illusion: Als Halbamerikaner sieht er nicht nur aus wie der junge John Lennon, in dessen Todesjahr er geboren wurde, sondern er hat auch exakt seine Stimme, die natürlich-antrainierte Körperhaltung und den Gitarrenanschlag. Daß der Junge dann auch noch den Keyboard-Part der McCartney-Stücke übernahm und teilweise die Soli von George Harrison spielte grenzte dann schon an der Vorstellungskraft des eingefleischten Beatles-Fans. Wenn Mabu mit verzückt entspanntem Gesicht die Schlußharmonien von „I want to hold your hand“ ins Mikrofon stieß und dabei die Pilzkopfmähne schüttelte, lief auch abgebrühten japanischen Mafiabossen ein kalter Schauer durchs Rückenmark: Du warst mitten in der Beatles-Hysterie der frühen sechziger Jahre.
Die Jungs spielten hier sechs Jahre lang fünf Tage die Woche von abends sieben bis morgens um zwei. Durch die ständige Wiederholung waren die Silver Beats in der Präsentation der Lieder besser, als es die Original-Beatles je sein konnten. Nach einer fulminanten zweiten Tournee durch die Vereinigten Staaten in diesem Sommer haben sie ihren Vertrag noch bis 31. August erfüllt, dann war Schluß. – Ich stehe vor dem lindgrünen Vespa-Rolle aus den sechziger Jahren, der immer vor dem Cavern Club geparkt ist, und spüre ein Gefühl der Leere wie im Frühjahr 1970.
Um mich zu trösteln beschließe ich, indisch zu essen und gehe zu Bernd’s Bar. Lustlos stochere ich in meiner Currywurst herum und nippe an dem viel zu bitteren Jever. Die Alternativen in diesem Restaurant sind auch nicht besser: Es dürfte sich doch inzwischen in Tokio herumgesprochen haben, daß ich nicht auf Hefeweißbier stehe, und auch das klebrige dunkle Köstritzer ist nicht gerade meine Marke. Ich lechze nach einem klaren, frischen Asahi, einem Sapporo oder Kirin! Ich fasse den Entschluss, Bernd demnächst mal vorzuschlagen, doch endlich auch süffiges japanisches Bier in seiner deutschen Kneipe auszuschenken; mal sehen, wie er’s aufnimmt. Das mache ich aber erst, wenn ich wieder gute Laune habe.
Wieder auf der Strasse gehe ich achtlos an den jungen Damen vorbei, deren Aufzug auch in jedem Frankfurter Kontakthof als völlig unauffällig durchgehen würde. Ich meine nicht die Mädels aus den „Hostess Bars“ („dorink and talk only!“), sondern die ganz normalen OLs („office ladies“), deren Pirsch nach jungen Investment Bankern oder Staranwälten, welche noch nicht von der Finanzkrise betroffen sind, etwas schwieriger geworden sein dürfte. – Vor dem Schaufenster des Bentley-Händlers stelle ich fest, daß dieser auch schon auf die Herbstfarben umgestellt hat: Letzten Monat waren noch alle sieben Ausstellungsstücke in der Modefarbe weiß gehalten, inzwischen herrschen wieder erdige Töne vor. Auch der Maserati-Händler nebenan hat inzwischen von aggressivem Gelb auf getragenes Silber umgestellt.
Auf der Rolltreppe schlängele ich mich an dem Typen im blauen Anton vorbei, der den befördernden Personen immer nur sein Hinterteil zeigt; geht auch nicht anders, denn mit dem gesamten Oberkörper ist er über das Gummiband des Handlaufs geklappt um mit einem großen weißen Tuch treppauf treppab die Glasseitenwände des Rollsteigs sauberzuhalten. Seine Kollegin reinigt wie jeden Tag mit einem Spezialgerät die Zwischenräume zwischen den Gumminoppen des Braillebandes, welches sich über alle Laufwege Roppongis erstreckt: Rückstände könnten hier zu Sprachfehlern führen.
Ich setze mich in die nächste U-Bahn und fahre nach Ochanomizu. Ochanomizu ist einer dieser Stadtteile Tokios, die sich auf ein spezielles Gewerbe spezialisiert haben. In Ochanomizu ist es das Musikgewerbe und speziell der Handel mit Gitarren: Es gibt unzählige Gitarrenläden, Tür an Tür, über mehrere Stockwerke, neue Gitarren, gebrauchte Gitarren, billige, teure, eine in der Welt wohl einmalige Auswahl. Ich lande in einem Laden, der nur Linkshändergitarren verkauft. Ehrfurchtsvoll streichle ich über die Fenders, Gibsons und Ovations, die zu hunderten an der Wand hängen. Alle nur für Linkshänder. Vielleicht, wenn sich die Finanzmärkte wieder erholt haben….?
Wieder draußen vor der Tür dasselbe belebte Treiben wie im Vergnügungsviertel Roppongi, nur hier in Ochanomizu mit einer deftigen Prise Studentin und Krankenschwester, da sich hier auch die Universitätskliniken befinden. Ob es hier wohl auch „Hostess Bars“ für Linkshänder gibt? Ich hole tief Luft und entscheide dann, daß ich heute keine Streicheleinheiten mehr verdient habe, daß ich ja eigentlich gar kein richtiger Linkshänder bin, und daß meine Mittagspause auch mal irgendwann zu Ende gehen muß.
Im Büro versuche ich wieder tief Luft zu holen, kann aber nur japsen. Meine Atemprobleme beängstigen mich schon seit einigen Wochen, die haben schon vor der Finanzkrise und vor meine Fuji-Besteigung begonnen, und um 17:00 Uhr beschließe ich dann endlich schweren Herzens und mit schwerer Lunge, die „Roppongi-Hills-Clinic“, eine Gemeinschaftspraxis von Ärzten aller Richtungen hier im Hause, aufzusuchen.
Ohne Warten komme ich sofort in die Konsultation. Die junge japanische Ärztin macht den Eindruck, als wäre Sie im Verlauf des sicher bisher schon achtstündigen Arbeitstages noch nicht in direkten Kontakt mit ihrer Kleidung gekommen. Die kurzen Ärmel des weißes Kittels weisen scharfe Bügelkanten auf, der Blusenkragen steht kerzengerade und blütenweiß in die Höhe, auf ihrem makellosen Gesicht sind weder Falten der Anstrengung noch Spuren von Schweiß auszumachen.
Kaum hat Sie mich abgehört legt Sie mir auch schon einen Ablaufplan vor und übergibt mich nahtlos an die beiden Vorzimmerdamen, die dem klassischen Idealbild einer Krankenschwester aus einem Krankenschwesterfilm entsprechen. Die beiden machen sich unverzüglich an die Arbeit: Die eine zapft Blut („Ich bitte vielmals um Verzeihung“ lautet die Ansage vor dem Piekser) während die Kollegin schon mal die Umlaufmappe für die Kollegen bestückt. Mit einer auf der Einstichstelle angelegten Druckkompresse werde ich an die Röntgenabteilung weitergereicht, wo man mich schon erwartet und schnell zwei Bilder von meiner Lunge anfertigt. Der Kollege von der Lufu wartet schon hinter der nächsten Tür. Er mimt nicht nur die Atemprozedur vor, sondern zieht auch nach erfolgtem Pustetest das von der Krankenschwester vorbereitete Pflaster aus der Umlaufmappe, denn jetzt kann der Druckverband von meiner Einstichstelle entfernt werden. Zurück bei den beiden Schwestern: die eine kniet sich vor mir nieder und entschuldigt sich vielmals dafür, an meinem kleinen Finger einen Sauerstofftest durchzuführen, während die andere den Bleistift zwirbelt.
Die Ärztin erwartet mich schon, und hat auch die Röntgenbilder schon auf ihrem Bildschirm. Ausführliche Besprechung der Ergebnisse, kurze Nachfrage beim Kollegen, ob dem dazu noch was einfällt, Gesundsprechung und Entlassung. Der ganze Prozeß war nach 60 Minuten vorbei, wobei die Zusammenstellung der Rechnung durch die Damen der Buchhaltung noch am längsten dauerte. Außerdem musste ich noch von der Bank auf derselben Etage das nötige Kleingeld abholen, um Honorar von ca. 160 EUR berappen, was ich angesichts des Personal- und technischen Aufwands sowie des auf diesem Gelände üblichen Quadratmeterpreises von 100 EUR für angemessen halte.
Beeindruckt vom japanischen Talent zur Prozessoptimierung im Gesundheitsgewerbe und vergnügt ob des guten Ergebnisses – meine Lunge läuft nach wie vor auf satten 100 bis 130% –- hole ich in der Apotheke auf demselben Stockwerk noch schnell die verschriebenen Psychopharmaka ab, die ich angesichts der günstigen Prognose gar nicht mehr benötige, denn ich bin erst mal wieder von meinem hypochondrischen Anfall erlöst.
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