Dienstag, 26. August 2008

Der Nachbar leistet sich einklappbare Außenspiegel...

13 Goldene Verhaltensregeln für die Tokioter U-Bahn

1. Wenn die Türe zugeht, geht die Türe zu. Dagegenstemmen ist zwecklos. Eventuell heraushängende Utensilien oder Körperteile werden vom bereitstehenden weißbehandschuhten Personal durch die Gummilippen nachgequetscht.
2. Am besten gleich in die Mitte des zwischen den Sitzreihen liegenden Ganges drücken. Hier steht man in der Regel nur drei Reihen dicht; im Türbereich wird dagegen ohne Rücksicht auf Verluste nachgequetscht.
3. Absolut nie gegen die Tür auf der Trasseninnenseite (Linksverkehr!) lehnen – bei entgegenkommenden Expresszügen (Abstand: 10 cm) kriegt man durch den plötzlichen Luftdruck dermaßen einen an die Birne geknallt, daß man komplett ans andere Ende des Waggons geschleudert wird. An kleinere Erdstöße, die just in diesem Augenblick auftreten können, wollen wir dabei gar nicht denken….
4. Mit einer Hand an irgendetwas stabilem festhalten – Haltegriff oder Stange, aber nicht an der Nachbarin. Freie Hand bzw. Hände nach unten und am eigenen Körper anlegen, Handinnenflächen nach innen.
5. Absolutes Kneifverbot. Ansonsten ist jede Form körperlichen Kontakts – auch intensiven – erlaubt, ja unvermeidlich – solange die Hände nicht im Spiel sind!
6. Blickkontakt meiden. Am besten auf das Ohrläppchen des oder der Nächststehenden konzentrieren. Wenn da keine mehr sind (Ohrläppchen), schnell weggucken.
7. Unter keinen Umständen irgendwelche Kleidungsstücke anderer Fahrgäste glatt-, gerade- oder gar hochziehen.
8. Nie zu zweit ins Gepäcknetz legen – wenn Du unten liegst, kommst Du nie wieder raus!
9. Klappe halten.
10. Durch die Nase atmen.
11. Mobilteil rausholen, mit der Rückseite gegen die Stirn des Nachbarn halten und durch die Fernsehkanäle klicken. Beim Sportkanal hängenbleiben.
12. Nicht auf die Uhr schauen. Keine Bahn der Welt fährt auch nur eine Hundertstelsekunde schneller, nur weil ein Fahrgast auf die Uhr schaut. Außerdem ist die aktuelle Uhrzeit immer sehr gut durch die frischpolierte Lunette der Rolex am Arm des Stehnachbarn / der Nachbarin abzulesen.
13. Beim Halt an der Station gehört es sich, dem Bahnpersonal beim Abhängen der Kinder und anderer kleinwüchsiger Fahrgäste von den an den Querstangen angebrachten Halteschlaufen behilflich zu sein. Die meisten plumpsen allerdings von alleine runter und müssen dann wieder aufgehängt werden….

Dienstag, 5. August 2008

Der Sommer in Tokio wird langweilig - vielleicht sollte ich doch noch den LKW-Führerschein machen?

LH 710 (und Deutschland) Revisited

Nach zehn Monaten in der Fremde erreicht man ungewollt diesen inneren Balancezustand: Man hat sich in die örtlichen Gegebenheiten eingewöhnt und tendiert dann dazu, eher in der alten Heimat etwas zu fremdeln.

Auf Geschäftsreise im Mai: Die Anfahrt zum Flughafen Narita wie immer sehr aufwendig: Da wir am südlichen Ende Tokios wohnen, müssen wir hierzu die ganze Stadt durchqueren. Der Flughafen ist dann weit außerhalb im Norden der Insel, in München würde man sagen: Ingolstadt, oder Erding. Der Flughafen-Express fährt zwar non-stop vom Tokioter Hauptbahnhof und braucht exakt eine Stunde. Aber wer wohnt schon am Tokioter Hauptbahnhof? Also für mich heißt das: Abflug 9:30 = Aufstehen 3:45.

Der Flughafen Narita selbst ist riesig aber übersichtlich, zweckmäßig und mit breiten Verkehrswegen ausgestattet. Das Einchecken ist in Sekunden erledigt, das Personal ausgesucht freundlich und hilfsbereit, und in guter Stimmung mache ich mich auf den Weg zur Lounge, für die ich eben einen Gutschein erhalten habe. Auf dem Weg dahin durchquere ich einen langen Tunnel, eine geschmackvolle architektonische Meisterleistung in gediegener Ausführung, mit schönen Pflanzen ausgestattet und mit 800 Metern Länge, die die beiden Flügelendpunkte des V-förmig angelegten Terminal 1 unterirdisch verbindet. Seltsamerweise bin ich der einzige Passagier, der sich hierunter verirrt hat. Als einzige andere Lebewesen in dieser Raumstation erspähe ich zwei Wachleute (mit den Leuchtschwertern der Jedi-Ritter) die damit beschäftigt sind, die Länge des Tunnels von entgegengesetzten Enden auf und abzuschreiten. In der Mitte, wenn sie sich begegnen, grüßen sie sich jedes Mal höflich. In einem Zustand entspannter Ruhe schwebe auf dem endlos langen Förderband nahezu lautlos an den Jedi-Rittern vorbei.

Mit dem eben erhaltenen Gutschein mache ich mir’s dann bis zum Abflug im gediegenen Ambiente der ANA-Lounge bequem und genehmige mir zum zweiten Frühstück eine Pilzcremesuppe, die sich gewaschen hat. Dies hätte ich lieber nicht tun sollen, denn am Flugsteig überrascht mich die nette Dame von der Lufthansa mit einem Präsent: Einem Sitzplatzwechsel in die 1. Klasse, und das bedeutet in 1. Linie eins: Kulinarische Verwöhnung! –

Ansonsten finde ich den Unterschied zur Business marginal: Die Sitze kommen mir unwesentlich größer vor, die Bildschirme sind sogar kleiner, und wenn man wie ich am Fenster sitzt, kann man wegen mangelnder Kopffreiheit nicht mal gerade aufstehen; dazu ist man im 1.Stock der 747 zu nahe an der Wölbung. Aber immerhin wird man während des gesamten Fluges mit Namen angesprochen, kriegt eine rote Rose vor den Sitz gesteckt und zur Begrüßung erstmal Kaviar und Champagner. Ich vertage also meinen Entschluß, während des Fluges Gewicht zu verlieren, auf den Rückflug.

Neben mir sitzt Herr S., ein älterer Herr mit angenehmen Umgangsformen, mit dem ich sehr schnell ins Gespräch komme. Herr S., der in den 60er Jahren ein bekanntes deutsches mittelständisches Unternehmen gegründet hat, ist ausgesprochener Japan-Freund: Seit vierzig Jahren kooperiert er mit japanischen Geschäftsfreunden und hat viele Partnerschaften zwischen regionalen deutschen und japanischen Wirtschaftsverbänden initiiert. Als Dank hat er sich eben den rosa Orden der aufgehenden Sonne beim japanischen Finanzminister abholen dürfen (der Tenno verleiht Orden nicht persönlich an Außerjapanische). Seit seiner Pensionierung vor 15 Jahren, mit 73, lernt Herr S. intensiv japanisch.

Da Herr S. den Pool mit Gegenstromanlage in seiner fränkischen Villa vermißt, steht er öfter auf und wandert ziellos durch die Gegend, um in Form zu bleiben. Ich bewundere seine Gewandtheit im Umgang mit Menschen, sprich hier mit dem fliegenden Personal, und frage mich, ob er dies seiner Japan-Affinität zu verdanken ist oder ob dies eine Generationenthema ist? Statt sich über das völlig zerbratene, zähe Steak, das man ihm serviert hat, zu beklagen, macht er den Lufthansen Komplimente ob des guten Service (Antwort: „Klar, wir sind ja auch vom Fach!“)

Nachdem wir die aktuellen wirtschafts- und finanzpolitischen Themen abgehandelt haben schwärmt mir Herr S. von der ersten Klasse von vor zwanzig Jahren vor (Bett im Oberdeck, Sessel im Unterdeck, Zwischenlandung am Eismeer und Aufnahme von zu sofortigem Verzehr geeigneter Meeresspinnen). Die Zeit vergeht wie im Flug, der viel zu kleine Fernseher bleibt ausgeschaltet. Erst in den letzten Flugstunden nehme ich meine Arbeitslektüre aus der Tasche; leider funktioniert aber die am Sessel angebrachte Leselampe nicht. Ich wende mich an den nächsten Luft-Hans:
- Würden Sie mir bitte zeigen, wie man die Leselampe einschaltet?
- Die funktioniert nicht. Die funktionieren hier alle nicht, in der ersten Klasse. Es handelt sich um eine Fehlkonstruktion!
- Aha. Vielen Dank!

Die Deutschen bauen die besten Autos der Welt, für die Wohnhäuser gilt wohl dasselbe, und auch das Frühstücksbuffet mit frischen Semmeln, Aufschnitt und Nutella deklassiert das handelsübliche japanische Morgenmahl aus Reis, rohem Ei und fermentierter Sojamilch um Längen. Bei den deutschen Flughäfen sieht’s aber ziemlich bös aus. Ich überlege mir, ob ich einen Brief an die Fraport AG absetzen soll mit folgendem Verbesserungsvorschlag: Abriß des gesamten Frankfurter Flughafens und Neubau durch ein japanisches Unternehmen. Bestückung ausschließlich mit japanischem Personal.

Bei der Rückkehr in die Heimat bin ich etwas überrascht, dass in Deutschland nicht mehr wie früher die meisten Konversationen mit „Ich bitte um Verzeihung!“ beginnen und mit „Verbindlichen Dank auch!“ enden. Sollte sich da was geändert haben?

Am Abend vor dem Rückflug ziehe ich mir die Anne-Will-Schow am Sonntagabend rein und schlafe danach sehr unruhig. Auch das Morgenprogramm des Radioweckers mit der aktuellen HR-Info-Berichterstattung zur Telekomabhöraffäre („klaffende Gesetzeslücken“, „die Menschenwürde in Gefahr“) sorgt bei mir für weitere innere Spannungen.

Etwas genervt mache ich mich mit meinen beiden Koffern (die Hinzunahme eines zweiten, kleineren Koffers war notwendig geworden, um meine Tokioter Nutellavorräte aufzustocken) auf den Weg zur U-Bahn. Angesichts neu aufgetretener Zukunftsängste beschließe ich, das Geld für das Taxi zu sparen – genügend Zeit habe ich ja, und von der Frankfurter Hauptwache fahren die S-Bahnen zum Flughafen ja bekanntlich alle zwanzig Minuten.

Als die S-Bahn dann 25 Minuten nach der geplanten Abfahrt immer noch nicht an der Hauptwache eingetroffen ist, fangen die sprichwörtlichen Eierkohlen unter mir an zu glühen. Seltsamerweise erfolgt keinerlei Durchsage, die Schaltzentrale in der Mitte des Bahnsteigs ist seit Jahren unbesetzt und verwüstet. Verzweifelt wende ich mich an einen schwarzen Scheriff, der den Zugführer der nächsten S-Bahn zu Herunterkurbeln seiner Scheibe bewegt: Ja, er hätte im Rückspiegel eine Flughafen-S-Bahn gesehen, es könne sich nur noch um Minuten handeln.

Als die Bahn dann mit 30 Minuten Verspätung eintrudelt, hat sich erheblicher Nachholbedarf angestaut. Blöderweise ist dann auch noch gerade der Waggon, vor dem ich stehe, wegen Vandalismus gesperrt. Ich hechte also mit meinen beiden Koffern zum nächsten, der dann wirklich gut besetzt ist; aus Tokio bin ich ja Gedränge gewöhnt! Allerdings ist das Publikum sehr gemischt, und ein Großteil der Fahrgäste sieht aus, als trage er sich mit ernsthaften Gedanken, diesen Waggon auch noch dem Vandalismus anheimzugeben.

Als ich dann mit erheblicher Verspätung in den freundlichen Hallen des Flughafen-S-Bahnhofes ankomme, ist meine Freude ob der gesparten 30 Taxi-Euro komplett verflogen und ich befinde mich in Panikstufe 1: Nach meinen Düsseldorfer Gesprächen habe ich davon auszugehen, daß ich am Morgen nach meiner Ankunft eine wichtige Mitteilung in der Tokioter Zweigstelle zu verlesen habe; ich darf also meinen Flug auf keinen Fall verpassen!

Der Business-Class Check-In der Lufthansa war vor fünf Monaten noch ganz am Ende der Halle A; als ich dort ankomme stelle ich fest, daß dort nun nur die erste Klasse Passagiere einchecken dürfen. Ich schleppe meine Sachen also wieder den halben Weg zurück; dummerweise hat sich aber beim Business Class Schalter eine lange Schlange gebildet. Die zur Koordination der Schlange abgestellte Dame ist jedoch sehr hilfsbereit:
- Haben Sie eine goldene Senatorkarte? Dann können Sie auch bei der ersten Klasse einchecken!

Ich hechte also die 100 Meter zurück zum 1. Klasse Check-In: Drei freie Schalter, jeder mit einer roten Rose bestückt und einer aufgeräumten Lufthansin dahinter! Erleichtert wuchte ich den ersten Koffer aufs Gepäckband und zücke meine Karte. Daß sich diese dann als silberne Frequent-Flyer-Karte (≠goldene Senatorkarte) entpuppt, wäre mir jetzt gar nicht aufgefallen; Lufthansinnen können aber auch streng sein, und die meine schien überhaupt nicht in Verhandlungslaune: Ich hätte doch theoretisch noch genug Zeit! Unter Verzicht auf größere Diskussionen – die sicher damit geendet hätten, dass ich Ihr geraten hätte, sich ihre rote Rose doch sonstwohin zu stecken – rase ich zurück zur Business Class und stelle mich ans Ende der noch weiter gewachsenen Schlange.

Warum geht’s nicht weiter? Nun, der gesamte Gepäckaufgabebereich ist von einer russischen Großfamilie blockiert, die eben ein Kaufhaus auf der Zeil leergekauft hat und nun damit beschäftigt ist, ihre Riesenkoffer umzupacken und alles als Handgepäck zu deklarieren. Da ist kein Durchkommen. Aber links von Ihnen erspähe ich drei weitere Lusttransen an drei freien Schaltern, die sich gerade gelangweilt die frisch gemachten Nägel trocknen. Unerschrocken mache ich die Obertranse auf diesen Leerlauf aufmerksam. Jetzt ist es ihr aber doch peinlich. Ganz schnell hebt sie den Sicherheitsbandverschluß an der Seite aus dem 3-Wege-Einhängesystems und läßt den Gurt mit integrierter Rotationsbremse in den Standpfosten des Personenleitsystems schnalzen, um mir und meinen Nutellakoffern den direkten Weg zu den drei nonchalanten Mädels freizumachen.
- Guten Tag Herr K.! Dürfen wir Sie in die erste Klasse upgraden? Das kostet Sie nur 65.000 Meilen!
- !!! Und zwar !!!

Ankunft in Tokio Narita. Schon die Fahrgastbrücke ist mit rotem Teppich ausgelegt. Die höflichen Umgangsformen der Japaner sind eine Wohltat.

24 Stunden später die E-Mail Nachricht auf dem BlackBerry mitten in der Nacht: Mein Arbeitgeber hat beschlossen, das Bankgeschäft und das Wertpapiergeschäft in Tokio komplett einzustellen.

Mittwoch, 21. Mai 2008

Hotel Nikko

Das schönste Hotel meines Lebens befindet sich in Tokio. Das Grand Hyatt hier glänzt mit einem durchgängig stimmigen, sehr dezent japanisch angehauchten Stil, der auf jede Protzigkeit - wie zum Beispiel beim Namensvetter in Shanghai oder beim Peninsula in Hong Kong – verzichtet. Die Restaurants und Bars sind weltklasse – großzügig und anheimelnd zugleich, der Service makellos und doch entspannt, das Essen vorzüglich (der „Executive Chef“-koch heißt Josef Budde und wird auch in der Lufthansa Business Class gefeatured). Die Wohlfühlzimmer in natürlichen Erdfarben haben ebenfalls einen japanischen Stil: Rechteckige schlichte Hölzer, Leinen, hellbrauner Naturstein im Bad. Das Waschbecken aus Glas. Unter der Dschungelbrause nicht der übliche Ausguß, sonder ein seitlich abgehender Wasserfall. Alles paßt sich ins andere ein: Die Toilettentüre in die Wand, das Holzkästchen mit der Teeauswahl in die Schublade, und so richtig satte Matratzen lassen einen schlafen wie ein Murmeltier. Patty, Fritz und ich haben dort vor dem Einzug in unser Tokioter Haus in zwei geräumigen Zimmern zwei angenehme Nächte verbracht.

Das schrecklichste Hotel meines Lebens befindet sich in Nikko, berühmte Tempelstadt mit den drei ebenso berühmten Affen. Wir (Patty, die zwei Jungs - Adrian war auf Besuch da – und ich) hatten übers Internet gebucht und alles sah recht gut aus: Ein moderner Ryokan (traditioneller japanischer Gasthof) mitten im großen Park, die wilden Affen rasen durch den Wald, ein Onsen im Freien: Was will man mehr. Nach unserer akzeptablen Erfahrung in Kyoto im Herbst hatten wir auch gleich das Essen auf dem Zimmer mitbestellt. Das Schönste: Die würden uns vom Bahnhof abholen.

Der erste Eindruck von Nikko war nicht so grandios. Gut, wir waren also in drei Stunden mit sechs Zügen 80 Kilometer durch häßliche Landschaft von Tokyo gekommen (hätten doch den Mietwagen nehmen sollen!). Und nach einiger Wartezeit am Bahnhof kommt tatsächlich ein achtzigjähriger mit einem unwesentlich jüngeren klapprigen Kleinbus mit quietschenden Bremsen zum Stehen. Auf der Fahrt durchs Straßendorf murmelt der zahnlose Geselle Unverständliches über irgendwelche Sehenswürdigkeiten, die nicht direkt ins Auge fallen. Nach unserem ersten, unvoreingenommenen Eindruck könnte man die Stadt im Rahmen einer touristischen Verschönerungskampagne komplett einreißen.

Beim Betreten des ausgestorbenen, etwas sehr lieblos runtergekommenen Hotels wird mir schon schlecht: Ein penetranter Geruch von „wenn man im Schlafzimmer japanisch kocht“ durchsetzt Lobby, Flure und Treppenhaus. Der Alte macht sich schnell aus dem Staube, ihm ist wahrscheinlich auch schlecht geworden. Abends: Zum Glück wird das Essen in einem freien Schlafzimmer serviert - und nicht im Elternschlafzimmer oder dem der Jungs.

Das Essen: Nabe. Nabe ist eine Augenweide, das übliche japanische Sammelsurium an Farbenfreude, kleine Schälchen, roher Fisch hier und rohes Fleisch da, eingelegte Gemüse mit dem Geschmack von eingelegtem Radiergummi, Miso-Suppe aus fermentiertem Soja und ein Schüsselchen Reis. Dazu grüner Tee (warm), schmeckt wie Zigarrenasche (kalt). Der Witz bei Nabe: Man kann einzelne Eß-Komponenten in einer mitgelieferten blubbernden Sojamilch (!) garen. Nachdem ich hiervon den Deckel lupfte, wußte ich auch, woher der Gestank im ganzen Hause kam. Ich versuchte mein Glück trotzdem, konnte mich aber nicht überwinden, meine Zähne in das hierin zur Verwesung gegarte Fleisch zu setzen. Gottseidank war der Kombini („Convenienc Store“) mit preiswerter Schokolade und Bier nicht weit entfernt. – Um ein Haar hätte ich noch in der kleinen, aus den frühen sechziger Jahren und einem volkseigenen Betrieb stammenden Naßzelle über die Kloschuhe gekotzt.

Als wir dann bei Tageslicht das Hotelgelände begehen, trauen wir unseren Augen nicht: Ein aufgegebener Trakt mit blinden Scheiben nebenan, verfaulte Matratzen liegen vor den Fenstern der bewohnten Eigentümerwohnung, eine rostige Müllhalde neben der anderen. Der ehemals schön angelegte Shintoschreingarten überwuchert, verwahrlost. Von einem vor Jahren umgestürzten, auf dem Hoteldach ruhenden Baum hat man einfach die langen Äste abgesägt, damit man drunter durchfahren kann.

Der zweite Eindruck von Nikko war auch nicht so berauschend.

Beim Abschied überreicht uns die nette junge Wirtsfrau im farbenfrohen Kimono handgefaltete, farbenfrohe Origami-Schächtelchen, eins für jeden.
- Haben Sie die etwa selbst gefaltet?
- Ja, ich sitze den ganzen Tag hier an der Rezeption und falte Schächtelchen
Darauf fällt mir nur eine Replik ein,
- Ach ja, warum räumen Sie nicht mal Ihren Müllplatz da draußen auf? Oder schaffen den Baum vom Dach runter? Oder streichen die Wände in Ihren heruntergekommenen, versifften Zimmern, rollen die Futons zusammen und stecken sie sich zusammen mit Ihren blöden Schächtelchen sonstwohin? Aber sie nehmen wohl die selbe Droge wie diese drei Affen da draußen im Tempel, die nichts sehen, nichts hören und NICHTS RIECHEN!!!),
…die ich jedoch auf japanisch leider nicht hundertprozentig und ohne Stocken formulieren kann. Außerdem versuche ich ja immer, als Ausländer einen guten Eindruck in meinem Gastland zu hinterlassen und die Leute so wenig wie möglich am Kimono zu packen und durchzuschütteln.
Ich verneige mich also stattdessen mit einem freundlichen Lächeln und bedanke mich höflich, leicht säuselnd wegen der zugehaltenen Nase. Zum Glück hatten wir die zweite Nacht schon vorher aus Kostengründen (80 EURO pro Nacht und Nase!) storniert….

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Heute morgen auf dem Weg zur Arbeit im Zug: Eine kleine Überraschung und Aufregung. Wir durchfahren das Studentenviertel Gakugei Daigaku („Studiere Kunst Große Schule“ = Kunstakademie). Ein paar Studenten haben sich einen Spaß gemacht und inszenieren auf dem Flachdach eines neben den Bahngleisen liegenden Hochhauses, direkt vor unseren Augen und zum Greifen nah (der Verkehr in Tokio findet auf verschiedenen Ebenen statt: Unser Zug fährt ganz oben) eine Zirkusclownerie: Eine Ballerina, ein Jongleur auf Einrad sowie ein Supermann mit Propellerhelm, der auf einer Schaukel schwingt, winken und lachen dem vorbeifahrenden Pendlerzug zu. Einer der mit dem Gesicht an die Scheibe gequetschten Fahrgäste verliert die Fassung und gibt einen kurzen, schrillen Lacher von sich. Der Rest im Waggon verharrt mit eisiger Miene in ebensolchem Schweigen. Keiner will am nächsten Bahnhof abgeführt werden…

Ich erhole mich in einem kleinen Restaurant und tue mich an einem eingelegten Radiergummi gütlich. Dazu trinke ich einen Tee aus aufgebrühter Zigarrenasche. Das beruhigt.